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Maria Roca Lizarazu
zierte Geschichte polnisch-jüdischer Nachbarschaft nicht – im tatsächlichen
wie im übertragenen Sinne – mit Füßen tritt. Darauf geben sowohl die Erzähle-
rin in Vielleicht Esther als auch die Autorin Petrowskaja unter dem Stichwort der
„gemeinsame[n] Erinnerung“ (VE, 191) eine Antwort, verstanden als eine Erin-
nerung, die sich nicht im Konkurrenzkampf von Opfergruppen oder der Abwehr
von Schuld und Verantwortung aufreibt und erschöpft, sondern stattdessen
ein Bewusstsein dafür schafft, dass man, laut der Autorin Petrowskaja, aus der
Geschichte und den Nachwirkungen des Zweiten Weltkrieges „nicht aussteigen
kann“ (Timm 2013):
Wir können über andere Dinge nachdenken, wir gehen dahin, dahin – irgendwann stolpern
wir, möchten wir nicht, oder nicht [sic], ob es konkret dieses Thema ist oder Spuren in der
Stadt oder, dass du deine Kinder so oder so erziehst. Es hat unglaubliche Spuren hinterlas-
sen im Verhalten, in der Kommunikation der Menschen. (Timm 2013)
Es geht also weniger um Schuldzuweisungen oder die Generierung von symboli-
schem Kapital durch die Vereinnahmung der Opferrolle, sondern um eine Offen-
heit und Aufnahmefähigkeit für die „Spuren“ und das Insistieren der Vergangen-
heit, die etwas geschaffen hat, was die Autorin als „unsere gemeinsame Antike“
bezeichnet. Wie Jessica Ortner argumentiert, ersetzt Petrowskajas Schreiben ein
segregierendes Erinnern, das, um eine Formulierung Michael Rothbergs zu ver-
wenden, leicht in ein „zero-sum game of competition“ zwischen verschiedenen
Opfergruppen ausarten kann (Rothberg 2009, 9) durch einen „gemeinsamen“
oder inklusiven Ansatz: „Throughout the entire novel, selection as opposed to
inclusion is used as a metaphor for the segmentation of cultural memory, which
Petrowskaja defines as a typical characteristic of post-socialist memory culture“
(Ortner 2017, 44). Lucia Perrone Capano spricht in diesem Zusammenhang auch
von einer „verknüpfenden Erinnerungsarbeit“ (2018, 106). „Gemeinsam“ bedeu-
tet in diesem Kontext auch, den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust nicht als
national gerahmte, sondern als transnationale und letzten Endes europäische
Ereignisse wahrzunehmen und eine Art europäisches Gedächtnis zu schaffen,
wie es der Text Vielleicht Esther versucht (zu europäischen und transnationalen
Gedächtnisdiskursen im Text siehe Ortner 2017; Perrone Capano 2018).9
9 Es ist hierbei zu beachten, dass das Beharren auf „gemeinsamer Erinnerung“ und einem eu-
ropäischen Gedächtnisraum in Petrowskajas Text und in Interviews wiederum ganz eigene Ex-
klusionsmechanismen zu Tage fördert, die den Zusammenhang zwischen der (Erinnerung an
die) Ermordung der Jüd*innen Europas und der (Nach-)Geschichte des Kolonialismus in Europa
ausblenden. Zum Zusammenhang von Holocaust-Erinnerung und (Post-)Kolonialismus siehe vor
allem Craps 2013; Rothberg 2009; Sanyal 2015; Silverman 2013.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher