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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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268    Maria Roca Lizarazu zierte Geschichte polnisch-jüdischer Nachbarschaft nicht – im tatsächlichen wie im übertragenen Sinne – mit Füßen tritt. Darauf geben sowohl die Erzähle- rin in Vielleicht Esther als auch die Autorin Petrowskaja unter dem Stichwort der „gemeinsame[n] Erinnerung“ (VE, 191) eine Antwort, verstanden als eine Erin- nerung, die sich nicht im Konkurrenzkampf von Opfergruppen oder der Abwehr von Schuld und Verantwortung aufreibt und erschöpft, sondern stattdessen ein Bewusstsein dafür schafft, dass man, laut der Autorin Petrowskaja, aus der Geschichte und den Nachwirkungen des Zweiten Weltkrieges „nicht aussteigen kann“ (Timm 2013): Wir können über andere Dinge nachdenken, wir gehen dahin, dahin – irgendwann stolpern wir, möchten wir nicht, oder nicht [sic], ob es konkret dieses Thema ist oder Spuren in der Stadt oder, dass du deine Kinder so oder so erziehst. Es hat unglaubliche Spuren hinterlas- sen im Verhalten, in der Kommunikation der Menschen. (Timm 2013) Es geht also weniger um Schuldzuweisungen oder die Generierung von symboli- schem Kapital durch die Vereinnahmung der Opferrolle, sondern um eine Offen- heit und Aufnahmefähigkeit für die „Spuren“ und das Insistieren der Vergangen- heit, die etwas geschaffen hat, was die Autorin als „unsere gemeinsame Antike“ bezeichnet. Wie Jessica Ortner argumentiert, ersetzt Petrowskajas Schreiben ein segregierendes Erinnern, das, um eine Formulierung Michael Rothbergs zu ver- wenden, leicht in ein „zero-sum game of competition“ zwischen verschiedenen Opfergruppen ausarten kann (Rothberg 2009, 9) durch einen „gemeinsamen“ oder inklusiven Ansatz: „Throughout the entire novel, selection as opposed to inclusion is used as a metaphor for the segmentation of cultural memory, which Petrowskaja defines as a typical characteristic of post-socialist memory culture“ (Ortner 2017, 44). Lucia Perrone Capano spricht in diesem Zusammenhang auch von einer „verknüpfenden Erinnerungsarbeit“ (2018, 106). „Gemeinsam“ bedeu- tet in diesem Kontext auch, den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust nicht als national gerahmte, sondern als transnationale und letzten Endes europäische Ereignisse wahrzunehmen und eine Art europäisches Gedächtnis zu schaffen, wie es der Text Vielleicht Esther versucht (zu europäischen und transnationalen Gedächtnisdiskursen im Text siehe Ortner 2017; Perrone Capano 2018).9 9  Es ist hierbei zu beachten, dass das Beharren auf „gemeinsamer Erinnerung“ und einem eu- ropäischen Gedächtnisraum in Petrowskajas Text und in Interviews wiederum ganz eigene Ex- klusionsmechanismen zu Tage fördert, die den Zusammenhang zwischen der (Erinnerung an die) Ermordung der Jüd*innen Europas und der (Nach-)Geschichte des Kolonialismus in Europa ausblenden. Zum Zusammenhang von Holocaust-Erinnerung und (Post-)Kolonialismus siehe vor allem Craps 2013; Rothberg 2009; Sanyal 2015; Silverman 2013.
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
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