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Liaisons Dangereusesâ â
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ten, weshalb es abschlieĂend um mögliche âpositiveâ Aspekte des Themas gehen
soll. Wie bereits im Zusammenhang mit dem Kapitel zur UrgroĂmutter âVielleicht
Estherâ angemerkt, gibt es im Text durchaus nachbarschaftliche Figuren, die
helfen und positiv besetzt sind, so zum Beispiel, wenn die ErzÀhlerin durch Zufall
eine alte Nachbarin ihrer Mutter, Dina, wiederfindet, die das letzte, lebendige
Verbindungsglied zur Vorkriegszeit darstellt (VE, 86).
Wesentlich interessanter sind jedoch jene Aspekte des Textes, die Nachbar-
schaft als ein alternatives Ordnungs- und Relationsprinzip einfĂŒhren, das auf Kon-
tiguitĂ€t, Kontingenz und dem fĂŒr den Text wichtigen Motiv der (Ăber-)Kreuzungen
beruht. Dieses Prinzip wird beispielsweise deutlich im Unterkapitel âDie Listeâ
(VE, 25â29): wĂ€hrend ihrer genealogischen Suche stöĂt die ErzĂ€hlerin auf diverse
Namenslisten, die möglicherweise die Namen ihrer Verwandten enthalten. Diese
Listen sind im Zusammenhang des Familienromans, den Vielleicht Esther auch
reprÀsentiert, interessant, da sie eine topografische und synchrone Dimension in
das ansonsten diachrone, genealogisch strukturierte Such- und ErzÀhlprogramm
des Textes einfĂŒhren. Im Gegensatz zum âFamilienbaumâ (VE, 17â20), der das
erste Kapitel von Petrowskajas Geschichtensammlung eröffnet, ist die Namens-
liste nicht an zeitlicher Generationenabfolge und damit der NĂ€he oder Distanz zu
einem irgendwie definierten Ursprung orientiert. ZusÀtzlich ist sie nicht auf einige
wenige, dem engeren Familienkreis zugehörige Individuen konzentriert, sondern
besteht aus einer Ansammlung von Namen ohne Gesicht und Geschichte â man
kann die Namen auf der Liste zÀhlen, jedoch nicht erzÀhlen, wie Sigrid Weigel
angemerkt hat (2006). Alle auf der Liste befindlichen Individuen nehmen zudem
dieselbe zeitliche Ebene ein, denn bei einer Liste geht es um Klassifikation und
Synchronie, nicht um zeitliche Abfolge und Diachronie. Die Gruppierung der
Namen auf der Liste basiert auf einem gemeinsamen und gleichzeitig doch kontin-
genten Merkmal â wie beispielsweise die jĂŒdischen Opfer des Holocaust, die Opfer
des Zweiten Weltkriegs etc. â, aber aus dieser Anordnung lĂ€sst sich keine Kausa-
litÀt und kein Narrativ ableiten, denn eine ErzÀhlung bedarf zeitlicher Abfolge.
Das rÀumliche Konzept der Nachbarschaft, verstanden im Sinne von KontiguitÀt,
ersetzt damit das zeitlich gebundene Konzept der Abstammung: â[âŠ] in den Listen
stehen sie alle untereinander, nebeneinander wie Nachbarn, durcheinanderge-
mischt, und die Meinigen sind nicht zu unterscheiden von Hunderten anderer, die
genauso heiĂen, [âŠ]â (VE, 27). Das rĂ€umlich kodierte â[U]
ntereinander, [N]eben-
einanderâ (VE, 27) der Nachbarschaft steht im Gegensatz zum zeitlichen Prinzip
des Nacheinanders in der Geschlechter abfolge und stellt somit fĂŒr das genealogi-
sche Programm der ErzÀhlerin ein Hindernis dar, da es eine fundamental andere
Logik und ein anderes Ordnungssystem reprĂ€sentiert: âJe mehr Gleichnamige es
gab, desto geringer war die Chance, meine Verwandten unter ihnen zu finden [âŠ]â
(VE, 27). Die ErzÀhlerin reagiert auf diese Herausforderung, indem sie sich auf ein
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana MiloĆĄeviÄ
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
- Kategorie
- LehrbĂŒcher