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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Liaisons Dangereuses    273 ten, weshalb es abschließend um mögliche ‚positive‘ Aspekte des Themas gehen soll. Wie bereits im Zusammenhang mit dem Kapitel zur Urgroßmutter „Vielleicht Esther“ angemerkt, gibt es im Text durchaus nachbarschaftliche Figuren, die helfen und positiv besetzt sind, so zum Beispiel, wenn die ErzĂ€hlerin durch Zufall eine alte Nachbarin ihrer Mutter, Dina, wiederfindet, die das letzte, lebendige Verbindungsglied zur Vorkriegszeit darstellt (VE, 86). Wesentlich interessanter sind jedoch jene Aspekte des Textes, die Nachbar- schaft als ein alternatives Ordnungs- und Relationsprinzip einfĂŒhren, das auf Kon- tiguitĂ€t, Kontingenz und dem fĂŒr den Text wichtigen Motiv der (Über-)Kreuzungen beruht. Dieses Prinzip wird beispielsweise deutlich im Unterkapitel „Die Liste“ (VE, 25–29): wĂ€hrend ihrer genealogischen Suche stĂ¶ĂŸt die ErzĂ€hlerin auf diverse Namenslisten, die möglicherweise die Namen ihrer Verwandten enthalten. Diese Listen sind im Zusammenhang des Familienromans, den Vielleicht Esther auch reprĂ€sentiert, interessant, da sie eine topografische und synchrone Dimension in das ansonsten diachrone, genealogisch strukturierte Such- und ErzĂ€hlprogramm des Textes einfĂŒhren. Im Gegensatz zum „Familienbaum“ (VE, 17–20), der das erste Kapitel von Petrowskajas Geschichtensammlung eröffnet, ist die Namens- liste nicht an zeitlicher Generationenabfolge und damit der NĂ€he oder Distanz zu einem irgendwie definierten Ursprung orientiert. ZusĂ€tzlich ist sie nicht auf einige wenige, dem engeren Familienkreis zugehörige Individuen konzentriert, sondern besteht aus einer Ansammlung von Namen ohne Gesicht und Geschichte – man kann die Namen auf der Liste zĂ€hlen, jedoch nicht erzĂ€hlen, wie Sigrid Weigel angemerkt hat (2006). Alle auf der Liste befindlichen Individuen nehmen zudem dieselbe zeitliche Ebene ein, denn bei einer Liste geht es um Klassifikation und Synchronie, nicht um zeitliche Abfolge und Diachronie. Die Gruppierung der Namen auf der Liste basiert auf einem gemeinsamen und gleichzeitig doch kontin- genten Merkmal – wie beispielsweise die jĂŒdischen Opfer des Holocaust, die Opfer des Zweiten Weltkriegs etc. –, aber aus dieser Anordnung lĂ€sst sich keine Kausa- litĂ€t und kein Narrativ ableiten, denn eine ErzĂ€hlung bedarf zeitlicher Abfolge. Das rĂ€umliche Konzept der Nachbarschaft, verstanden im Sinne von KontiguitĂ€t, ersetzt damit das zeitlich gebundene Konzept der Abstammung: „[
] in den Listen stehen sie alle untereinander, nebeneinander wie Nachbarn, durcheinanderge- mischt, und die Meinigen sind nicht zu unterscheiden von Hunderten anderer, die genauso heißen, [
]“ (VE, 27). Das rĂ€umlich kodierte „[U] ntereinander, [N]eben- einander“ (VE, 27) der Nachbarschaft steht im Gegensatz zum zeitlichen Prinzip des Nacheinanders in der Geschlechter abfolge und stellt somit fĂŒr das genealogi- sche Programm der ErzĂ€hlerin ein Hindernis dar, da es eine fundamental andere Logik und ein anderes Ordnungssystem reprĂ€sentiert: „Je mehr Gleichnamige es gab, desto geringer war die Chance, meine Verwandten unter ihnen zu finden [
]“ (VE, 27). Die ErzĂ€hlerin reagiert auf diese Herausforderung, indem sie sich auf ein
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Miloơević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
Kategorie
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