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Liaisons Dangereusesâ â
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Gemeinschaften, die auf familiÀrer, ethnischer oder nationaler Zugehörigkeit
beruhen und notwendigerweise AusschlĂŒsse erzeugen. NachbarschaftsverhĂ€lt-
nisse hingegen sind fundamental anti-essentialistisch, denn verbunden sind
Nachbarn nicht durch eine irgendwie geartete Wesenshaftigkeit, sondern durch
das zufĂ€llige und oft auch flĂŒchtige Nebeneinander im Raum.
Das Motiv der zufĂ€lligen Ăberkreuzung findet sich an diversen weiteren
Stellen im Text, so zum Beispiel im Unterkapitel âNachbarnâ (VE, 40â44). In
diesem Kapitel beschreibt die ErzÀhlerin den Kiewer Wohnblock, in dem sie auf-
wuchs. Obwohl die Bekanntschaften nach Aussagen der ErzĂ€hlerin ânur flĂŒch-
tigâ (VE, 42) sind, versammeln sie doch ein âmultidirectionalâ (Rothberg, 2009)
Panorama der Gewalterfahrungen des zwanzigsten Jahrhunderts, das vom Spa-
nischen BĂŒrgerkrieg ĂŒber den Zweiten Weltkrieg bis hin zum Holocaust reicht.
Auch in diesem Falle wird also ĂŒber Nachbarschaften eine nicht-essentialistische
Lebens-, Leidens- und Erinnerungsgemeinschaft hergestellt, derer sich die Mit-
glieder mitunter nicht einmal bewusst sind. Solcherlei unbewusste Ăberkreuzun-
gen und âZufĂ€lle in Raum und Zeitâ (VE, 70) spielen fĂŒr Vielleicht Esther eine
zentrale Rolle, etwa wenn die ErzĂ€hlerin ĂŒber die â tatsĂ€chliche und metapho-
rische â Nachbarschaft zwischen ihrem UrgroĂvater Ozjel und dem berĂŒhmten
polnischen PĂ€dagogen Janus Korczak schreibt:
[âŠ] wieder waren sie Nachbarn in Raum und Zeit, ohne es zu wissen, er [Korczak] schrieb in
Kiew, weil ihn der Erste Weltkrieg in meine Stadt gebracht hatte, dann kehrte er nach War-
schau zurĂŒck. WĂ€ren mein UrgroĂvater Ozjel und meine GroĂmutter Rosa damals zurĂŒckge-
gangen, wÀren sie und ihre WaisenhÀuser, ihre Waisen und ihre eigenen Kinder, Nachbarn
von Janus Korczak geworden, mit allen folgenden Adressen. (VE, 71)
Erneut zeigt sich hier die Ambivalenz des Nachbarschaftsbegriffes, denn wÀren
der UrgroĂvater und die GroĂmutter der ErzĂ€hlerin die Nachbarn Korczaks
geblieben, wÀren sie mit ihm erst im Warschauer Ghetto und dann im Vernich-
tungslager Treblinka gelandet. Gleichzeitig wird die rÀumliche NÀhe zwischen
der Teilfamilie der ErzÀhlerin und Korczak zum Anlass genommen, um auf beste-
hende Gemeinsamkeiten zu verweisen (Judentum, heilpÀdagogischer Hinter-
grund) oder neue zu erzeugen, denn die Anekdote zur Nachbarschaft wird auch
zum Anlass des Eingedenkens â Korczak und seine Waisen werden in die Erin-
nerungsgemeinschaft der ErzÀhlerin (und möglicherweise auch der Leser*innen)
aufgenommen. DarĂŒber hinaus ist das Beispiel Korczaks nicht zufĂ€llig gewĂ€hlt,
da der polnische PĂ€dagoge sich bekanntermaĂen bewusst dazu entschied, mit
den von ihm betreuten Waisenkindern in den Deportationszug nach Treblinka
zu steigen, obwohl er die Möglichkeit gehabt hÀtte, sich zu retten. Das Beispiel
Korczaks greift damit die den Text prÀgende Thematik der Adoption, der Wahl-
verwandschaft und der alternativen Familiensysteme auf.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana MiloĆĄeviÄ
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
- Kategorie
- LehrbĂŒcher