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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Liaisons Dangereuses    275 Gemeinschaften, die auf familiĂ€rer, ethnischer oder nationaler Zugehörigkeit beruhen und notwendigerweise AusschlĂŒsse erzeugen. NachbarschaftsverhĂ€lt- nisse hingegen sind fundamental anti-essentialistisch, denn verbunden sind Nachbarn nicht durch eine irgendwie geartete Wesenshaftigkeit, sondern durch das zufĂ€llige und oft auch flĂŒchtige Nebeneinander im Raum. Das Motiv der zufĂ€lligen Überkreuzung findet sich an diversen weiteren Stellen im Text, so zum Beispiel im Unterkapitel „Nachbarn“ (VE, 40–44). In diesem Kapitel beschreibt die ErzĂ€hlerin den Kiewer Wohnblock, in dem sie auf- wuchs. Obwohl die Bekanntschaften nach Aussagen der ErzĂ€hlerin „nur flĂŒch- tig“ (VE, 42) sind, versammeln sie doch ein „multidirectional“ (Rothberg, 2009) Panorama der Gewalterfahrungen des zwanzigsten Jahrhunderts, das vom Spa- nischen BĂŒrgerkrieg ĂŒber den Zweiten Weltkrieg bis hin zum Holocaust reicht. Auch in diesem Falle wird also ĂŒber Nachbarschaften eine nicht-essentialistische Lebens-, Leidens- und Erinnerungsgemeinschaft hergestellt, derer sich die Mit- glieder mitunter nicht einmal bewusst sind. Solcherlei unbewusste Überkreuzun- gen und „ZufĂ€lle in Raum und Zeit“ (VE, 70) spielen fĂŒr Vielleicht Esther eine zentrale Rolle, etwa wenn die ErzĂ€hlerin ĂŒber die – tatsĂ€chliche und metapho- rische – Nachbarschaft zwischen ihrem Urgroßvater Ozjel und dem berĂŒhmten polnischen PĂ€dagogen Janus Korczak schreibt: [
] wieder waren sie Nachbarn in Raum und Zeit, ohne es zu wissen, er [Korczak] schrieb in Kiew, weil ihn der Erste Weltkrieg in meine Stadt gebracht hatte, dann kehrte er nach War- schau zurĂŒck. WĂ€ren mein Urgroßvater Ozjel und meine Großmutter Rosa damals zurĂŒckge- gangen, wĂ€ren sie und ihre WaisenhĂ€user, ihre Waisen und ihre eigenen Kinder, Nachbarn von Janus Korczak geworden, mit allen folgenden Adressen. (VE, 71) Erneut zeigt sich hier die Ambivalenz des Nachbarschaftsbegriffes, denn wĂ€ren der Urgroßvater und die Großmutter der ErzĂ€hlerin die Nachbarn Korczaks geblieben, wĂ€ren sie mit ihm erst im Warschauer Ghetto und dann im Vernich- tungslager Treblinka gelandet. Gleichzeitig wird die rĂ€umliche NĂ€he zwischen der Teilfamilie der ErzĂ€hlerin und Korczak zum Anlass genommen, um auf beste- hende Gemeinsamkeiten zu verweisen (Judentum, heilpĂ€dagogischer Hinter- grund) oder neue zu erzeugen, denn die Anekdote zur Nachbarschaft wird auch zum Anlass des Eingedenkens – Korczak und seine Waisen werden in die Erin- nerungsgemeinschaft der ErzĂ€hlerin (und möglicherweise auch der Leser*innen) aufgenommen. DarĂŒber hinaus ist das Beispiel Korczaks nicht zufĂ€llig gewĂ€hlt, da der polnische PĂ€dagoge sich bekanntermaßen bewusst dazu entschied, mit den von ihm betreuten Waisenkindern in den Deportationszug nach Treblinka zu steigen, obwohl er die Möglichkeit gehabt hĂ€tte, sich zu retten. Das Beispiel Korczaks greift damit die den Text prĂ€gende Thematik der Adoption, der Wahl- verwandschaft und der alternativen Familiensysteme auf.
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Miloơević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
Kategorie
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