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Eva Kowollik
Das Leiden der Anderen? Scheitern und
Chancen dialogischen Erinnerns in Goran
Vojnovićs Jugoslavija, moja dežela
Ne spadam, međutim, među one koji misle da se sve to može
oprostiti ili zaboraviti i krenuti dalje. Po tom sam pitanju vrlo
radikalan i imam čvrst stav kao čovjek: dok žive žrtve, žive i
njihovi zločinci i zločini. (Vojnović 2013b)
Ich gehöre allerdings nicht zu denjenigen, die denken, dass man
das alles verzeihen oder vergessen und weitermachen kann. In
dieser Frage bin ich sehr radikal und habe als Mensch einen
festen Standpunkt: solange die Opfer leben, leben auch die Ver-
brecher und Verbrechen.1
In der folgenden Analyse des Status von (nationalen) Opfernarrativen in einem
paradigmatischen Text der postjugoslawischen Literaturszene möchte ich die
Anwendbarkeit von Aleida Assmanns Konzept des „dialogischen Erinnerns“ auf
den postjugoslawischen literarischen Diskurs prüfen: „Zwei Staaten entwickeln
ein dialogisches Erinnerungsmodell, wenn sie einseitig oder gegenseitig ihren
eigenen Anteil an der traumatisierten Geschichte des anderen anerkennen und
empathisch das selbst verursachte und zu verantwortende Leiden der anderen
Nation ins eigene Gedächtnis mit einschließen“ (2016, 195–196). Das Besondere
an Assmanns dialogischem Erinnern gegenüber vergleichbaren Erinnerungskon-
zepten, die ebenfalls das Moment der Verschränkung favorisieren,2 liegt einer-
seits in seiner breiten Anwendbarkeit auf vielfältige transnationale Kontexte, und
andererseits in der Tatsache, dass der Prozess der Verknüpfung von Erinnerun-
gen als Dialog gedacht ist, das heißt als sprachlicher Akt, der auf eine bestimmte
1 Sofern nicht anders vermerkt, stammen die Übersetzungen von der Verfasserin – E. K.
2 Von Ansätzen des kommunikativen Gedächtnisses (vgl. z.B. Welzer 2002) unterschei det sich
Assmanns dialogischer Ansatz durch die Ausweitung auf Kommunika tions situationen in politi-
schen Kontexten. Ebenfalls in eine transnationale Richtung geht Michael Rothbergs Konzept der
multidirectional memory (2009), angewandt auf die Verschränkung der Shoah mit kolonialem
Erinnern. Im Kontext der postjugoslawischen Literaturen verwendet Stijn Vervaet anhand von
Texten, die Shoahnarrative mit dem Erzählen der jugoslawischen Zerfallskriege verknüpfen, den
Begriff der intersecting memories (2016).
Open Access. © 2020 Eva Kowollik, publiziert von De Gruyter.
Dieses
Werk ist lizenziert unter der Creative Commons Attribution 4.0 Lizenz.
https://doi.org/10.1515/9783110693461-013
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher