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284 Eva Kowollik
Aus diesen Kontextualisierungsversuchen heraus gilt es, für die Textanalyse
zwei Ebenen zu unterscheiden. Einerseits ist die Ebene der postjugoslawischen
Literatur als ein literarisches Feld zu betrachten, in dem dialogisches Erinnern
als Intention (bezogen auf den Prozess der Literaturproduktion) und als ein Wirk-
potenzial (bezogen auf den Prozess der Rezeption) identifiziert werden könnte,
ohne die damit verbundenen Schwierigkeiten auf den Literaturmärkten der
Region vernachlässigen zu wollen. Im Vordergrund sollen jedoch die im litera-
rischen Text inszenierten Erinnerungsprozesse stehen, die wiederum eher auf
eine Verhärtung im Erinnerungsdiskurs in der Region hinweisen. Als Katalysator
für das Misslingen dialogischen Erinnerns auf der Ebene der Figurenkonstella-
tion fungiert nun im hier fokussierten Roman des slowenischen Autors Goran
Vojnović Jugoslavija, moja dežela (2011, dt. Vaters Land, 2016) ein äußerst leben-
diges Opfernarrativ.
2 Opferkonkurrenzen, Opfernarrativ und
dialogisches Erinnern
Wie oben skizziert, ist in den postjugoslawischen Gesellschaften – und nicht nur
dort – dialogisches Erinnern nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Geprägt ist
der Erinnerungsdiskurs sowohl auf sozialer als auch auf der Ebene der jeweiligen
Nationen von Opferkonkurrenzen, Opferhierarchien und Selbstviktimisierung.
Ursache dafür sind Phänomene, die Aleida Assmann treffend als „Asymmetrie
zwischen Opfer- und Tätergedächtnis“ (2014, 82) beschreibt. So könne für das
Tätergedächtnis eine Tendenz zur „Selbstviktimisierung“ konstatiert werden,
eine „semantische Umkodierung […], eine Haltung, die das eigene Leiden in
den Mittelpunkt stellt und dabei gleichzeitig von der eigenen Verstrickung in
die Unrechtsgeschichte ablenkt“ (Assmann 2016, 145).11 Im Zusammenhang mit
Selbstviktimisierung und einer „Rhetorik der Aufrechnung“ (Assmann 2014, 170)
ist der Einfluss von Institutionen und politischen oder intellektuellen Akt
eur*in-
nen „zur Konstitution von Erinnerungs- und Erzählmustern“ (Schulze Wessel
2012, 3) nicht zu unterschätzen, worauf Martin Schulze Wessel in der Einleitung
zum Band Opfernarrative hinweist.
Für den serbischen Kontext zeigt die Politikwissenschaftlerin Jasna Dragović-
Soso in ihrer Studie ‚Saviours of the Nation‘: Serbia’s Intellectual Opposition and
11 Assmann bezieht sich mit dem Begriff „Selbstviktimisierung“ auf den Historiker Martin
Sabrow, der diese Erscheinung in der deutschen Erinnerungspolitik beschreibt (Sabrow 2012).
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher