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Das Leiden der Anderen?
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the Revival of Nationalism (2002), wie mittels literarischer Texte, aber auch medi-
aler Einflussnahme und wissenschaftlicher Stellung nahmen12 die Geschichte des
Zweiten Weltkrieges umgewertet und der Mythos der Opferrolle des serbischen
Volkes gestärkt wurde. Die Verfolgung der Serben durch die Ustaša wurde „the
most potent historical symbol of Serbian victimisation in the latter part of the
1980s“ (Dragović-Soso 2003, 103) und fand Eingang in den zu diesem Zeitpunkt
auch öffentlich artikulierbaren serbischen Erinnerungsdiskurs.13 Die nationa-
len „Erinne rungsrahmen“14 schaffen seitdem – und nicht nur in Serbien – feste
Strukturen für Opfernarrative und forcieren damit die Erinnerung an die jeweils
eigenen Leiden im Zweiten Weltkrieg sowie während der jugoslawischen Zerfalls-
kriege. Dies betrifft alle Seiten: Wolfgang Höpken konstatierte 2006 exemplarisch
für die slowenische und kroatische Seite der postjugoslawischen Erinnerungs-
kulturen in Bezug auf traumatische Erinnerungsorte aus dem Zweiten Weltkrieg:
„Das Bemühen, auch zu einer konsensfähigen Narration der Kriegsgeschichte zu
kommen, steht allerdings noch aus“ (2006, 422). Daniela Mehler fordert – hier
mit Blick auf die serbische Gesellschaft – „einen gesellschaftlichen Dialog […],
der sich kritisch und produktiv mit der Vergangenheit auseinandersetzt, auch
Graustufen, auch die Doppelrollen von Akteuren als Täter-Opfer sowie Opfer-
Täter und Sprecher mit einer anderen Position zulässt“ (2015, 298–299). Gefordert
ist also ein in den gesellschaftlichen Strukturen verankerter dialogischer Erinne-
rungsdiskurs.
Aleida Assmann hat allerdings mit Bezug auf den negativen Klang des Wortes
„Selbstviktimisierung“ zu Recht auf die Gefahr der Etikettierung von Leidensge-
schichten aufmerksam gemacht: „Dieses Denken bleibt von einer Ausschluss-
Logik der gegenseitigen Verdrängung bestimmt, die den Erinnerungsdiskurs
weiterhin beherrscht. Sie unterstellt, dass die Erinnerung an die eigenen Leiden
12 Zu den bekanntesten und folgenschwersten dieser Stellungnahmen gehört zweifellos das
Memorandum der Serbischen Akademie der Wissenschaften (Memorandum SANU); vgl. dazu
auch Olivera Milosavljevićs Text Der Mißbrauch der Autorität der Wissenschaft (1998).
13 Den Umschwung in der serbischen Historiografie beschreibt die serbische Historikerin
Ljubinka Trgovčević als Deutung eines „jahrhundertelangen Völkermordes an den Serben“
(2002, 403); der Historiker Holm Sundhaussen spricht von der „Weiterentwicklung eines natio-
nalen Opfersyndroms, das zum prägenden Signum der Geschichte seit dem ausgehenden vier-
zehnten Jahrhundert gestaltet wurde“ (2002, 411). Zur Zusammenfassung des historiografischen
Diskurses in Serbien ab den 1980er Jahren vgl. das Kapitel „Von der jugoslavischen zur serbi-
schen Nationalgeschichte“ in Kowollik 2013, 18–25.
14 Die Existenz gesellschaftlicher „Erinnerungsrahmen“ versteht Aleida Assmann als notwen-
dige Bedingung für die Wirksamkeit der Artikulation von Traumata, um das Trauma „zu einem
Teil der bewussten Identität zu machen“ (2014, 94).
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher