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286 Eva Kowollik
automatisch ein Bewusstsein für die Leiden der Anderen auslöscht“ (2016, 153).
Weiterhin spricht sie vom „Recht auf unterschiedliche Erinnerungen“ (2016,
153) und fordert, es dem Menschen zuzutrauen, „dass er über dem eigenen Leid
Fragen der Gerechtigkeit und das Leid der Anderen nicht aus dem Auge verliert“
(2016, 154).
Nun ließe sich fragen, welche Bedingungen ein solches dialogisches Erin-
nern unter Menschen fördern oder behindern. Mit Hilfe von trauma
theoretischen
Ansätzen, die aus der psychotherapeutisch orientierten Forschung zur Shoah
kommen, lassen sich kommunikative Akte bzw. deren Gelingen oder Misslin-
gen als Basis für dialogisches Erinnern identifizieren. Eine sinnstiftende Ausei-
nandersetzung mit Traumata ist zunächst nicht ohne Weiteres möglich, da die
präzise Wiederkehr traumatischen Erlebens kein Wissen sei, worüber Trauma-
tisierte aktiv verfügen würden (Caruth 1995). Dem kann eine aktive Form des
Zuhörens Abhilfe schaffen, die auf der Bereitschaft der Zuhörenden aufbaut, die
Verantwortung für die Vergangen
heit mitzutragen. An diesem ebenfalls aus der
Psychotherapie stammenden Konzept der „sekundären Zeugenschaft“15 könnte
ein dialogisches Erinnern ansetzen.
Wie oben erläutert, weist die postjugoslawische Literatur als „space of articu-
lation of dissident and alternative cultural and political voices“ (Matijević 2016,
102) eine besondere Affinität zu dialogischem Erinnern auf verschiedenen Ebenen
auf. Es ist also sinnvoll, Traumaerzählungen der postjugoslawischen Literaturen
auf Inszenierungen dialogischer Erinne rungsstrukturen hin zu untersuchen und
hierbei die Interaktion von Zuhörer*innen und Erzähler*innen im Hinblick auf
konkurrierende Opferdiskurse herauszustellen.
An Goran Vojnovićs Roman Jugoslavija, moja dežela interessiert mich somit
auch die Ambivalenz von Opfer-Täter-Konstellationen, die der Text aufwirft und
die durch eine transgenerationale Perspektive zustande kommt. Des Weiteren
zeigt der Roman auch Grenzen des eben skizzierten Konzepts der Zuhörerschaft
und damit dialogischen Erinnerns auf. Schließlich sollen auf der literatursozio-
logischen Ebene die Chancen des Buches, im Rahmen der postjugoslawischen
Literaturszene zu einem dialogischen Erinnern beizutragen, abgeschätzt werden.
15 Vgl. den Band „Niemand zeugt für den Zeugen“: Erinnerungskultur und historische Verantwor-
tung nach der Shoah (2000), herausgegeben von Ulrich Baer.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher