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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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288    Eva Kowollik und Serbien und wieder zurück nach Slowenien – letztlich findet er ihn in Öster- reich. Dabei kommt Vladan mit ganz unterschiedlichen Menschen in Kontakt, die seinen Vater gekannt hatten. Schließlich gelingt ihm erst durch Anhören zum Teil absurder Erklärungen, die den Kriegsverbrecher entlasten sollen und auf einem Opfernarrativ aufbauen, die Konfrontation mit dem eigenen Trauma. Auf diese spezifischen Erzählstrukturen soll im Folgenden näher eingegangen werden. Wichtig ist an dieser Stelle noch Folgendes: Goran Vojnović hat mit Jugoslavija, moja dežela keinen autofiktionalen Roman geschrieben, auch wenn autobiografische Details rekonstruierbar sind (Vojnović 2013b). Das Buch zeigt damit einmal mehr die Verflochtenheit auch Sloweniens in die transkulturelle Erinnerungslandschaft im postjugo slawi schen Kulturraum, ein Standpunkt, der in Slowenien nicht selbstverständlich ist und worauf Vojnović bereits mit dem Titel des Romans ironisch anspielt.18 Im Zentrum steht Vladans Erzählung aus der Ich-Perspektive, angesiedelt im Jahr 2007. Dass es sich beim ersten Kapitel, der letzte unbeschwerte Tag der Pulaer Kindheit im Frühjahr 1991, um eine nicht intendierte Erinnerung des Protagonis- ten handelt, verdeutlicht erst das zweite Kapitel. Denn das im ersten Kapitel nur nebenbei erwähnte Graffito „KOSOVO REPUBLIKA – ISTRA KONTINENT“ – zwei Jahre lang soll dieses „velikanski grafit“ (Vojnović 2013a, 14) [„riesige[] Graffito“ (Vojnović 2016, 10)] dort bereits stehen – verweist nicht nur deutlich auf bereits anhaltende separatistische Tendenzen seit Ende der 1980er Jahre. Es folgt als ein Flashback unmittelbar auf die Entdeckung des Protagonisten im Internet, dass sein Vater als Kriegsverbrecher gesucht wird, und ist im Buch entsprechend gra- fisch markiert. Pojma nisem imel, od kod se je dobrih šestnajst let kasneje vzel ta davno pozabljeni pulski grafit […]. K-O-S-O-V-O-R-E-P-U-B-L-I-K-A-I-S-T-R-A-K-O-N-T-I-N-E-N-T! […] Moj do nedavna pokojni oče me je skoraj šestnajst let po svoji smrti iz zasede tako neusmiljeno napadel s svojo nesmrtnostjo, da sem lahko skoraj fizično občutil, kako se v meni razrašča občutek groze […]. (Vojnović 2013a, 17–18)19 Ich hatte keine Ahnung, woher gute sechzehn Jahre später plötzlich dieses längst vergessene Pulaner Graffito kam […]. K-O-S-O-V-O-R-E-P-U-B-L-I-K-A-I-S-T-R-A-K-O-N-T-I-N-E-N-T! […] Mein bis vor Kurzem verstorbener Vater hatte mich fast sechzehn Jahre nach seinem Tod so unbarmherzig mit seiner Unsterblichkeit aus dem Hinterhalt überfallen, dass ich fast phy- sisch spüren konnte, wie in mir das Gefühl des Grauens zunahm […]. (Vojnović 2016, 12–13) 18  Jugoslavija, moja dežela (wörtlich: Jugoslawien, meine Heimat) ist ein Spiel mit dem Slogan „Slovenija, moja dežela“ [Slowenien, meine Heimat], der in den 1980er Jahren in Slowenien po- pulär geworden war. 19  Zitiert wird der Originaltext aus der 2013 bei Študentska založba erschienenen Ausgabe.
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
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