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Das Leiden der Anderen?
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Der auf der Suche nach dem Vater vorrangig zuhörende Vladan findet, zurück
in Slowenien, auch ein zuhörendes Gegenüber – seine Freundin Nadja: „To noč
sem premagal molk, […]. Nadja pa me je le poslušala“ (Vojnović 2013a, 163) [„In
dieser Nacht besiegte ich das Schweigen, […]. Nadja hörte mir nur zu“ (Vojnović
2016, 144–145)]. Nadjas Präsenz wird zu einem entscheidenden, die Handlung
motivierenden Moment: Vater und Sohn sollen einander schließlich in Wien
treffen, Vladan jedoch ist unmittelbar vor dem Wiedersehen mit seinem Vater
Panikattacken ausgesetzt. Durch Nadjas bedingungsloses Da-Sein und Zuhören
kann sich der Protagonist überhaupt erst zum Treffen mit seinem Vater aufraf-
fen. Die Inszenierung dieser zwischenmenschlichen Konstellation von Erzähler-
und Zuhörerschaft in Verbindung mit der Verbalisierung eines Traumas wird im
Roman jedoch in all der ihr inhärenten Problematik gezeigt. Die von Vojnović
konzipierte Figur der Zuhörerin ist eben keine distanzierte Therapeutin, sondern
mit dem Protagonisten liiert, von dem sie sich am Ende trennen wird.
Von dieser Erzähler-Zuhörerin-Konstellation nun sind die Binnen erzählungen
zu unterscheiden, denen der Ich-Erzähler während der Reisestationen nun sei-
nerseits zuhört. Diese sollen im Hinblick auf das Opfernarrativ einer genaueren
Analyse unterzogen werden.
4 Multiperspektivische Darstellung des
Opfernarrativs
In einem Interview für die kroatische Zeitung Jutarnji list äußerte Vojnović: „Prok-
letstvo ratova naših djedova i očeva uvijek nas prati“ (Vojnović 2013b) [Der Fluch
der Kriege unserer Großväter und Väter verfolgt uns immer]. Der Autor kommen-
tiert hier die oben bereits skizzierte Problematik der inoffiziellen transgeneratio-
nalen Weitergabe jeweils eigener Leidens
geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg
im sozialistischen Jugoslawien und ihre Auswirkungen bis in die dritte Genera-
tion. Wie äußert sich dieses Opfernarrativ nun im Roman?
Vladans erste Station ist Brčko in Bosnien, der letzte seiner Mutter bekannte
Aufenthaltsort des Vaters, der zu diesem Zeitpunkt bereits untergetaucht war.
Dessen damalige Nachbarin lernte ihn unter dem falschen kroatischen Namen
Tomislav Zdravković kennen.20 Die Nachbarin erzählt Vladan also des Vaters
umerzählte und kroatisierte Geschichte: „Rad je govoril o vseh vas, ampak o tebi
20 Anspielung auf den jugoslawischen Sänger Toma Zdravković, für den der Vater geschwärmt
hatte.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher