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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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290    Eva Kowollik pa največ. Najbrž zato, ker je vedel, da si edini preživel“ (Vojnović 2013a, 58) [„Er hat gern von euch allen erzählt, aber von dir am meisten. Wahrscheinlich weil er wusste, dass du als Einziger überlebt hast“ (Vojnović 2016, 51)]. Nolens volens und durchaus ironisch in der literarischen Darstellung wird das Einzelkind Vladan also zum einzigen Überlebenden, umgeben von ermordeten Geschwis- tern. Damit wird er Teil eines familiären Opfernarrativs, das, wie Vladan im weite- ren Verlauf erfahren wird, eigentlich die Geschichte seines serbischen Großvaters ist, der seine ganze Familie während des Zweiten Weltkrieges in einem Massaker der kroatischen Ustaša verloren hatte. Einen Hinweis darauf bekommt Vladan bei Emir Muzirović, einst wie Vladans Vater Offizier der Jugoslawischen Volksarmee in Pula. Zum Zeitpunkt von Vladans Besuch lebt Emir zurückgezogen in Goražde, im föderativen Teil Bosniens. Als einstiger Angehöriger der Jugoslawischen Volksarmee sieht Emir in familiär über- lieferten Opfererzählungen, in denen Verbrechen aus dem Zweiten Weltkrieg erinnert wurden, und daraus herrührend im Motiv der Rache die Ursache der Ver- brechen im neuen Krieg: O nekih svojih babicah in dedkih, o jamah, o taboriščih. Zgodbo, ki je vse njih vsa ta leta najedala […]. V bistvu oni sploh niso bili ti, ki so ubijali, ampak so ubijali grobovi njihovih očetov in mater in bratov in sester, […]. Ker v imenu grobov je vse sveto … i sve je potrebno … (Vojnović 2013a, 86–87)21 Von Omas und Opas, von Gruben und Lagern. Eine Geschichte, die all die Jahre an ihnen gefressen hatte […]. In Wirklichkeit waren sie überhaupt nicht die gewesen, die getötet hatten, sondern getötet hatten die Gräber ihrer Väter und Mütter und Brüder und Schwes- tern, […]. Denn im Namen der Gräber ist alles heilig… und alles notwendig… (Vojnović 2016, 76–77) Vladans Vater Nedeljko sei, so Emir, durch das Trauma seines Vaters Milutin im Zweiten Weltkrieg von einer solchen Opfergeschichte geprägt worden. Emir weigert sich, sie Vladan zu erzählen – immerhin habe er, Emir, selbst eine, über die er ja schließlich auch nicht rede. Emir fühlt sich als ehemaliger General der Jugoslawischen Volksarmee wei- terhin gefangen in der tabuisierenden Erinnerungspolitik, die in Titos Jugosla- wien bezüglich des Zweiten Weltkrieges galt. Seine nebulöse Redeweise sowie der Respekt ihm gegenüber in Goražde werfen Fragen nach seiner eigenen Ver- 21  Das Zitat ist ein Beispiel, wie Vojnović Mehrsprachigkeit in der Verwendung kursiv markier- ter bosnischer/kroatischer/serbischer Versatzstücke im slowenischen Text der Figurenrede rea- lisiert.
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
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