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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Das Leiden der Anderen?    291 gangenheit auf. Er und Vladans Vater kämpften in den Zerfallskriegen zwar offen- sichtlich auf verschiedenen Seiten, waren aber verbunden durch ihre gemein- same und als glücklich beschriebene Zeit bei der JNA. Auf diese Weise können sich beide nachträglich als Opfer des von Nationalisten verursachten Zerfalls Jugoslawiens stilisieren und Emir deckt den serbischen Kriegsverbrecher, der ihn vor Jahrzehnten vor einem Mord aus Affekt bewahrt hatte und in dessen Schuld er daher zu stehen glaubt. Vladans dritte Station ist Novi Sad in Serbien, wo Onkel Danilo lebt, ein Ver- wandter seines Vaters, bei dem Vladan mit seiner Mutter 1991 vorübergehend lebte. Danilo steht in seinem körperlichen Verfall in einem auffälligen Gegensatz zum Pathos seiner Rede: „s svojo usihajočo pojavo je bil na trenutke v popolnem neskladju s svojimi stopnjujoče nastrojenimi besedami“ (Vojnović 2013a, 114) [„mit seiner versiegenden Erscheinung stand er für Momente in einem völligen Missverhältnis zu seinen auf Steigerung gestimmten Worten“ (Vojnović 2016, 101)]. Dieser (ironisch erzählte) Kontrast in der Figurenkonzeption verbindet übrigens die meisten der Binnenerzähler. Danilo erzählt Vladan nun tatsächlich die Geschichte von Großvater Milutin, eingebettet jedoch in einen generalisieren- den, das konkrete Verbrechen relativierenden Opferbegriff: Tudi sam veš, da ni vojne brez žrtev. Poleg tega pa … V tisti njegovi vojski je mogoče bilo tudi nekaj pravih vojakov, ampak večinoma so bili to navadni ljudje, ki so jim pred tem pobili družine, požgali hiše. Obupani reveži so bili to, jadnici bez igde ikoga. In daj mi zdaj ti povej, kako naj takšnim ljudem prepoveš, da se maščujejo. (Vojnović 2013a, 112) Du weißt auch selbst, dass es keinen Krieg gibt ohne Opfer. Und außerdem … In seiner Armee gab es möglicherweise auch ein paar richtige Soldaten, aber die meisten von ihnen waren gewöhnliche Leute, denen man vorher die Familien umgebracht, die Häuser ange- zündet hatte. Elende Verzweifelte waren das, arme Kerle ohne irgendwen irgendwo. Und jetzt sag du mir, wie du solchen Leuten verbieten willst, sich zu rächen. (Vojnović 2016, 99) Im ersten Satz des Zitats formuliert die Figur ein Kriegsverbrecher relativierendes Argument; darauf folgt ein Argumentationsschritt der allgemeinen Verschwö- rung gegen die Serben – und zwar mit Hilfe von Strategien im Tätergedächtnis, die Assmann mit „Aufrechnen“, „Externali sieren“ und „Umfälschen“ bezeichnet hat (Assmann 2016, 169–182) und die im Roman auf suggestive Weise entperso- nalisiert eingebracht werden. Das für dialogisches Erinnern grundsätzlich wich- tige Zugeständnis auch des eigenen Leidens wird in der Argumentation der Figur jedoch gezielt zur Legitimation von Rache gebraucht. Erst darauf setzt Danilo nun Nedeljkos persönliche Opfererfahrung:
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
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