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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Das Leiden der Anderen?    293 gen geheimen Brüderschaft pensionierter Offiziere“ (Vojnović 2016, 78)]. Ähnlich spürt Vladan die suggestive Wirkung in Danilos Argumentation: „Na neki čuden način so mi Danilove besede prijale in v sebi sem čutil naraščajočo željo, da bi jim verjel in skril za njimi vse svoje dvome in strahove“ (Vojnović 2013a, 112) [„Auf eine seltsame Weise taten mir Danilos Worte wohl, und ich spürte den Wunsch, ihnen zu glauben und hinter ihnen meine Zweifel und Ängste zu verstecken“ (Vojnović 2016, 99)]. Im unmittelbaren Anschluss an Danilos Erzählung, auf der Rückkehr aus Serbien und unterwegs Richtung Kroatien, imaginiert Vladan das Massaker in dem kroatischen Dorf im Herbst 1991 aus der Perspektive seines selbst leidenden Vaters. Das folgende Zitat zeigt, wie tief der Ich-Erzähler (der von seinem Vater übrigens distanziert als „Nedeljko“ spricht) versucht, sich in die damalige Situa- tion seines Vaters, mithin in eine Täterpsyche, hineinzuversetzen: Morda je Nedeljko res videl, kako gorijo živi ljudje, kako matere gledajo umiranje lastnih otrok […], a se ni več zmogel iztrgati začasne neprištevnosti. Utapljal se je v bolečem občutku izigranosti, izdanosti in opeharjenosti in sejal je smrt, da bi kaznoval to življenje, ki mu je uzelo vse, kar je imel rad. (Vojnović 2013a, 126–127) Vielleicht hat Nedeljko tatsächlich gesehen, wie lebendige Menschen brennen, wie Mütter das Sterben ihrer eigenen Kinder mit ansehen […], konnte sich aber nicht aus der vorüberge- henden Unzurechnungsfähigkeit herausreißen. Versank im schmerzli chen Gefühl, ausge- trickst, verraten, übervorteilt worden zu sein, und säte den Tod, um das Leben zu bestrafen, das ihm alles genommen hatte, was er liebte. (Vojnović 2016, 113) Dem Protagonisten drängt sich so unter dem Eindruck der Erzählung seines Onkels Danilo eine Parallelisierung der Schicksale des Großvaters und des Vaters auf: der Großvater blickt auf die Leichen seiner Angehörigen in seinem von der kroatischen Ustaša niedergebrannten serbischen Dorf. Er ist Opfer eines Verbre- chens. Der Vater blickt auf die Leichen der Bewohner eines kroatischen Dorfes, die auf seinen Befehl hin ermordet wurden. Er ist Täter eines vergleichbaren Ver- brechens, eines Rache-Aktes also. Diese Szene plastischer Visualisierung wird in einer späteren Passage gedoppelt, als Vladan Fotos zu Gesicht bekommt, die seinen Vater vor den Leichen der kroatischen Dorfbewohner zeigen, die er eben- falls auf einen Haufen stapeln ließ, so wie er es selbst aus den Erzählungen über die toten Verwandten seines Vaters Milutin wusste. Die tiefgehende persönliche Involviertheit des Erzählers in die ambivalente Opfer- und Verbrechergeschichte seiner Familie zeigt sich im Buch später in einem markanten Flashback, auf den ich nun eingehen werde. Zurück in Ljubljana erlebt der Protagonist, wie Jugendliche in einer Bar eine Balkanparty mit Tur- bofolk-Musik feiern. Der betrunkene Protagonist, dessen Gedanken zwischen seinem Vater und dem unklaren Balkanverständnis der Ljubljaner Jugendlichen
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
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