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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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306    Ioannis Pangalos mag zu dieser Lesart beigetragen haben.5 Auch die Verfilmung des Buchs war dieser Entwicklung förderlich. Das auf diese Weise entstandene – oder im Medi- enverbund bloß amplifizierte – Opfernarrativ wurde gegen die nationalistischen TĂ€ter*innen ausgespielt (die damaligen und folglich auch gegen ihre zeitgenössi- schen ideologischen Epigonen). Das Lager der Sieger*innen schwankt zwischen Vergessen-Wollen und hero- ischem Opfernarrativ (z.B. wenn sie sich als Vorhut im Kampf gegen den Kom- munismus stilisieren). Die Haltung des Leidensopfers ist nicht dominant, kommt aber auch vor, und zwar wenn der BĂŒrgerkrieg als Abwehrreaktion gegen die Aggression der Linken dargestellt wird oder wenn die Grausam keiten, die die ‚Banditen‘ begangen haben, unterstrichen werden, z.B. im Fall nationaler/anti- kommunistischer Indoktrinierung (Karpozilou 2016). Dieses Bewusstsein findet seinen deutlichsten Ausdruck in den 1980er Jahren, und zwar als ‚Antwort‘ auf das sich abzeichnende Opfernarrativ der Linken. Literarisches Beispiel: Eleni (1983) von Nicholas Gage, ein Roman, der die Recherche eines als Kind in die USA geflĂŒchteten Journalisten darstellt, der sich auf die Suche der Verantwort- lichen fĂŒr die Ermordung seiner im BĂŒrgerkrieg von den Partisanen hingerich- teten Mutter begibt. Die erfolgreiche Hollywood-Verfilmung des Romans hat vermutlich auch zu seinem Aufstieg zum Weltbestseller beigetragen. In Grie- chenland jedoch hat er heftige Reaktionen beim – damals dominanten – linken Erinnerungs kollektiv hervorgerufen (Danforth 2008), trotz der ‚Absolution‘, die der ErzĂ€hler dem schließlich aufgefundenen Befehlshaber des Hinrichtungs- kommandos erteilt. Aus dem oben AusgefĂŒhrten wird ersichtlich, dass die These, derzufolge die Literatur der Nachkriegszeit gespalten ist und dem Opfernarrativ des jeweiligen politischen Lagers unterworfen ist, stark schematisch wirkt, wenn die ‚poly- systemische‘ Komponente außer Acht gelassen wird, also wenn die Texte aus dem gesamtgesellschaftlichen Kontext (der die Produktions-, aber vor allem die Rezeptionsbedingungen umfasst) herausgerissen werden. Die ‚rein‘ literarischen Merkmale der anspruchsvollen Romane, ungeachtet der politischen Zugehö- rigkeit des Autors, bringen die Niedergeschlagenheit der ganzen griechischen Gesellschaft zum Ausdruck. Die meisten befinden sich in einer ‚Grauzone‘ und man könnte die Arbeitshypothese wagen, dass fiktionale Werke, die auch textuell einen dezidierten lagergebundenen Standpunkt vertreten, eher eine Ausnahme bilden. Der seit den 1950er Jahren bekannte, immer noch lebende griechische Literaturkritiker Dimitris Raftopoulos formuliert sogar ĂŒberspitzt die These, dass 5  Die altgriechische Aura wĂ€re mit dem „monumentalen Modus“ (Erll 2005a, 169–172) kompati- bel, der die Heroisierung nicht ausschließt.
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Miloơević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
Kategorie
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