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Die Überwindung traditioneller Opfernarrative
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„in der Literatur der Bürgerkrieg gar nicht stattgefunden hat“ (2012, 15). Das linke
oder rechte Opfernarrativ wird vornehmlich in der Rezeption der bipolaren Erin-
nerungsgemeinschaften konstruiert.
3 Die neue Ära: Bürgerkriegsliteratur im Wandel
Kommen wir nun zum Millennium, das, meiner These zufolge, einen Einschnitt
in der themenrelevanten Literatur markiert. Wir haben zwar einleitend gesehen,
dass nach 1975 eventuell ein ‚Phasenunterschied‘ in der Aufarbeitung der Ereig-
nisse in beiden Ländern zu verzeichnen ist, jedoch kommt es meiner Meinung
nach mehr auf die makroepochale Gedächtnis
konstellation um 2000 an. Auf die
zahlreichen und diversen Faktoren, die den vielzitierten Memory-Boom um diese
Zeit ausgelöst haben, kann hier nicht einmal ansatzweise eingegangen werden
(eine zusammenfassende Darstellung findet sich z.B. in Olick et al. 2011, 3–62).
Beschränken wir uns auf zwei Aspekte, die für die zu untersuchenden Texte von
besonderem Belang sind: 1) Nach dem Fall der Berliner Mauer und der darauffol-
genden Auflösung des sozialistischen Lagers wird die Unterscheidung von Rechts
und Links obsolet, oder zumindest verschwommen. Der im Kalten Krieg vorherr-
schende traditionelle Rechts-Links-Dualismus (dessen Wurzeln für Spanien und
Griechenland größtenteils in den Bürgerkriegen zu suchen sind) kann nicht mehr
aufrechterhalten werden. 2) Das allmähliche Aussterben der Zeitzeugen der ent-
scheidenden Ereignisse um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts und folglich
die Auflösung der drei Generationen umfassenden Erinnerungsgemeinschaft, die
laut Aleida und Jan Assmann (A. Assmann 2002, 185; J. Assmann 2002, 48–59)
das kommunikative Gedächtnis tradiert, schafft die Voraussetzungen für den
Übergang zum kulturellen Gedächtnis.6 Letzteres ist in steigendem Maße auf his-
torische Quellen bzw. materielle Datenträger angewiesen. Man kann davon aus-
gehen, dass dessen Inhalte immer in einen semiotischen Prozess eingebettet und
daher deutungsbedürftig sind, das heißt auch, dass der fiktionalen Literatur als
„sekundärem modellbildendem System“ (Lotman 1972, 22) größere Spielräume
offenstehen.
6 Das ist auch eine explizite Voraussetzung, auf die sich zwei bekannte Studien zur spanischen
Bürgerkriegsliteratur stützen (Gómez López-Quiñones 2006, 24; Luengo 2012, 256). Aufgrund
dieses Arguments kann auch die zeitliche Abweichung der hier behandelten Werke partiell er-
klärt werden, also dass die griechischen ‚metamnemonialen‘ Texte ungefähr eine Dekade später
als die spanischen erscheinen – da, wie bekannt, der griechische Bürgerkrieg genau zehn Jahre
später als der spanische ausgetragen wurde.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher