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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Die Überwindung traditioneller Opfernarrative    315 3.2.2 The (Descendent of the) Victim Strikes Back: Postmemoriale Verwicklungen und Transformation des Traumas in I Symphonia ton Oneiron (2010) Der letzte Roman des 2011 verstorbenen, renommierten griechischen Schriftstel- lers Nikos Themelis I Symphonia ton Oneiron [Die Symphonie der Träume]12 ist in vier relativ selbstständige Kapitel – als „Geschichten“ betitelt – aufgeteilt. Daraus erklärt sich auch die Bezeichnung des Titels „Symphonie“. Die Handlung des ersten Teils spielt während der Zeit des Bürgerkriegs in der Hauptstadt von Epirus Ioannina sowie in den Bergen der Region, Hauptschauplatz der militärischen Aus- einandersetzungen. Ins Visier genommen wird eine Familie des höheren Mittel- stands der Provinz, die von der matriarchalischen, ultrakonservativen, abergläu- bischen und manipulativen Mutter und Großmutter Marianthi mit eiserner Hand regiert wird. Der ältere nationalistische Sohn Agis, Kollaborateur der deutschen Besatzer in der Zeit der Okkupation, denunziert seinen im Widerstand tätigen kleineren Bruder Stelios bei der Besatzungsmacht. Jenem gelingt es in die Berge zu fliehen, wo er auf der Seite der Partisan*innen kämpft. So wird er zum schwar- zen Schaf der Familie und von Marianthi ausgestoßen. Über seine Existenz wird eine Schweigepflicht verhängt. Stelios gelangt nach dem Bürgerkrieg ins Exil, in die Länder des Eisernen Vorhangs, seine Tochter Myrsini wird von Marianthis Schwager, dem verwitweten, humanistisch gesinnten Popen Michalis, adoptiert. Bis zu diesem Punkt wird eine Täter-Opfer-Dualität reproduziert, primär auf der Ebene der persönlichen Beziehungen, aber mit deutlich politischen Implikatio- nen. Der konservative Bruder ist in jeder Hinsicht eine Inkarnation des Bösen, durch die Fortsetzung seiner dunklen Machenschaften mit den korrupten Mili- tärs der Nachkriegsjahrzehnte kommt er zu Besitz und Reichtum, er wird sogar als sexueller Belästiger seiner eigenen Tochter dargestellt, während die übrigen ‚gemäßigten‘ Familienmitglieder als seine und Marianthis Opfer (sowie der unge- rechten Gesellschaft) gezeichnet werden. Der herkömmliche Schematismus wird jedoch – trotz der gegenteiligen These von Theodosopoulou (2011) – vermieden: Die entgegengesetzten Pole sind nicht die üblichen gegnerischen Parteien des Bürgerkriegs, sondern auf der einen Seite die militanten Rechten der Nachkriegs- regime und auf der anderen Seite die politisch Uninteressierten oder Liberalen, die bloß ihr Recht auf ein normales Leben reklamieren. Der linke Partisan ver- schwindet von der Bildfläche. Als Stelios in der vierten und letzten Geschichte nochmals (in Erinnerungen) auftaucht – die Tochter (und mit ihr der*die Leser*in) erfahren, dass die ‚reale‘ 12  Im Folgenden abgekürzt mit der Sigle T, Seitenangabe.
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
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