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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Cécile Wajsbrot W wie ihr Name/Avec un double v 4 L’ELEVE – La porte Noire de Trèves, la vallée de la Moselle, München, Baden- Baden, Neuschwanstein, Herrenchiemsee, Bonn, Freiburg, j’ai tout visité. J’ai vu le Rhin, le Danube, j’ai même vu Salzbourg et Vienne. Apfelstrudel, Sachertorte, Wienerschnitzel, oder nach Jägerart, Kasseler, Kartoffelsalat als Beilage? Ich las die Reiseführer und die Tagesmenus, ich verstand, konnte sogar sprechen – aber nicht sehr viel, gemessen an den acht Jahren Unterricht. DIE SPRACHE – Wie eine Schlange krieche ich, und wenn du glaubst, du hast mich begriffen, entgleite ich. LE PROFESSEUR – Les classes se succèdent, les années – sie ist in meinen Gedanken geblieben, in meinem Gedächtnis. Nie habe ich seitdem Schüler gehabt, deren Namen mit W anfingen und die meiner Sprache so ähnlich klangen. Aber ich unterrichte weiter. Ich mag diese Sprache – meine Sprache. Alles was von meiner Kindheit übrig geblieben ist, versteckt sich hier. L’ELEVE – Jedes Mal, wenn ich einen älteren Mann traf, fragte ich mich, was hat er während des Krieges gemacht? Aber von jeder Reise brachte ich ein Buch mit. DIE ZEIT – Es waren leere Jahre, wo alles sich im Untergrund entwickelte, wie unterirdische Ströme, die plötzlich auftauchen. Auf einmal sieht man eine Quelle, einen Fluss, und glaubt, es sei eine Erscheinung. DER TOD – Die alte Welt wollte nicht sterben, nur ich wusste, dass sie schon gestorben ist. Eine Zwischen-Zeit. LE PROFESSEUR – Manchmal fragte ich mich, was aus ihr geworden ist, was sie studiert hat, welchen Beruf sie hat. L’ELEVE – Ich unterrichtete Französisch. Jetzt begriff ich, was eine Sprache bedeutet. Für die meisten war es die Muttersprache, aber manche hatten Franzö- sisch erst in der Schule gelernt, und in der Familie wurde eine andere Sprache gesprochen, eine Sprache, die mit Französisch nichts zu tun hatte, keine gemein- samen Wurzeln, noch weniger als in meiner Familie – damals. DER TOD – In Frankreich war ich auch tätig. Je ne connais pas les fronti- ères. Ozeane und Flüsse sind mir egal. Ich überquere, überfahre, überall bin ich zuhause. L’ELEVE –Der Tod ist ein Meister aus Deutschland. Quelqu’un m’avait cité ce vers un soir, prononçant un nom que j’entendais pour la première fois, Paul Celan, einen Namen, den man selten las – in dieser Zeit. Open Access. © 2020 Cécile Wajsbrot, publiziert von De Gruyter. Dieses  Werk ist lizenziert unter der Creative Commons Attribution 4.0 Lizenz. https://doi.org/10.1515/9783110693461-015
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
LehrbĂĽcher
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