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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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W wie ihr Name/Avec un double v    327 DER TOD – Arbeitslos, ahnungslos, geschichtslos. DIE SPRACHE – Unschuldig. DIE ZEIT – Unbekannte Galerien, unterirdische Ausstellungen. DER TOD – Jeder Bunker, jedes Gefängnis, jeder Folterort wird zum Kunstort. Wo man geschrien hat, wo man gelitten hat, geht man heute ins Theater, ins Kino, zum Konzert. Der Schmerz in Kunst verwandelt. DIE ZEIT – Gedenkstätte. DIE SPRACHE – Die Erinnerung… DIE ZEIT – … überflutet alles. Zwei parallele Passantenflüsse. Diejenigen, die die Geschichte suchen – in jedem Stein eingeschrieben. Diejenigen, die die Sorg- losigkeit erleben. L’ELEVE – La ville parle, die Stadt spricht mich an. In den Nachtzügen hatte ich immer an Deportation gedacht, und jetzt fahre ich in einem Nachtzug von der Pariser Gare du Nord Richtung Berlin. DIE SPRACHE – Ein einfacher Name – einfach ein Name. L’ELEVE – Ich hatte die Gelegenheit, ein wenig Zeit in Berlin zu verbringen. Dans la rue, des jeunes promenaient deux ou trois chiens chacun, portaient de vieux surplus militaires customisés – mein erster Eindruck war Lichtjahre ent- fernt von dem, was ich mir vorgestellt hatte. DIE ZEIT – Die Wirklichkeit entspricht selten dem, was man sich vorgestellt hat. L’ELEVE – So wollte ich alles sehen, alles wissen, jedes Viertel kennen, Gegenwart und Vergangenheit gleichzeitig. Je collectionnais les musées, les monuments, les cimetières, les livres. In einer Buchhandlung habe ich eines Tages zufällig etwas gesehen… DIE ZEIT – Tu as vu? L’ELEVE – Draußen vor der Tür. Am gleichen Abend habe ich das Buch ange- fangen. Die Lektüre hat mich genau wie damals erschüttert. Seit langem hatte ich keine deutsche Literatur auf Deutsch gelesen. Es war mein erstes Buch in Berlin. DIE SPRACHE – Zufall. DER TOD – Es gibt keinen Zufall. L’ELEVE – Dann habe ich an die Lehrerin gedacht, celle qui nous avait fait découvrir ce livre. Et les questions que je n’avais posées ni à elle ni à moi ont surgi. Warum hatte sie uns diesen Text lesen lassen? Malgré son nom français, n’avait-elle pas un accent allemand? Pourquoi enseignait-elle cette langue en France? Was für ein Leben hatte sie – und jetzt, wenn sie noch am Leben war? DER TOD – Ich komme nicht so schnell. DIE ZEIT – Ich bin nicht so erbarmungslos. L’ELEVE – Je revoyais ses cheveux clairs, ses yeux bleus, et son visage impas- sible. Ich konnte ihre Stimme hören, ihren leicht abgehackten Tonfall, aber kein
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
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