Seite - 159 - in Land der Verheißung – Ort der Zuflucht - Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
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Berücksichtigung der Bevölkerungszahlen der jüdischen Jugend, ebenfalls wurde
versucht, auf die jeweilige politische und wirtschaftliche Situation der Länder ein-
zugehen. Dennoch war es gerade der Aspekt der Dringlichkeit, der den österreichi-
schen Stellen zufolge völlig außer Acht gelassen wurde. Sowohl die „Beratungsstelle“
als auch das Palästina-Amt beschwerten sich über den im Frühjahr 1939 gültigen
Verteilungsschlüssel, wonach Berlin 43, Wien 23, Prag 18 und Bratislava 16 Prozent
der Bewilligungen erhielten. Auch wenn die Quoten auf einer Sitzung des „Irgun“
beschlossen worden waren, forderten sie eine Neuverhandlung und verwiesen dabei
unter anderem auf die „unabwendbare Liquidierung der österreichisch-jüdischen
Gemeinschaft im Laufe des nächsten halben Jahres“.448
Erbittert wurde der Kampf zwischen den ideologisch unterschiedlich ausge-
richteten zionistischen Jugendbünden ausgefochten. Nach dem „Anschluss“ war
nur mehr ein einheitlicher „Chaluzverband“ zugelassen; innerhalb dieses „Zionis-
tischen Jugendverbandes“ durften die einzelnen, auf die Auswanderung abzielenden
Jugendorganisationen aber weiter bestehen. Mit Verweis auf ihre Mitgliederstärke
und ihre chaluzische Erfahrung forderten die Vereine beharrlich eine stärkere
Berücksichtigung bei der Zertifikatsverteilung.449 Wie einer Erhebung des „Jugend-
verbandes“ vom Oktober 1938 zu entnehmen ist, waren der „Hanoar Zioni“, der
„Makkabi Hazair“ und der „Tcheleth-Lawan“ mit jeweils 900 bis 1.000 Mitgliedern
die größten Organisationen, darauf folgten der „Barak“450 und der „Nachmania“451
mit 400 bis 500, der „Misrachi“ mit 200 bis 250 und der „Haschomer Hazair“ und
der „Haschachar“452 mit 150 bis 200 Mitgliedern.453 Kompetenzstreitigkeiten und
-unklarheiten hatten dazu geführt, dass sich die eher links stehenden Organisa-
tionen beim „Hechaluz“ und die Vereine der „Allgemeinen Zionisten“ („Hanoar
Zioni“) und der „Judenstaatspartei“ („Barak“) beim Palästina-Amt zur Jugend-
Alijah anmeldeten. Der Verteilungsschlüssel wurde von der „Jugendhilfe“ und der
„Beratungsstelle“ bestimmt und sah im Falle der Ende 1938 für Österreich zur
Verfügung stehenden 300 Zertifikate folgendermaßen aus: „Makkabi Hazair“ und
„Nachmania“ erhielten 60 bis 70 Zertifikate, „Tcheleth-Lawan“ 60 bis 65, „Hanoar
Zioni“ 40 bis 45, „Misrachi“ 40 bis 45, „Barak“ 25 bis 30, „Haschomer Hazair“ 25
bis 30 und „Haschachar“ 20 bis 25 Zertifikate.454 Der revisionistische „Betar“ war
seit 1935 weitgehend von der Vergabe ausgeschlossen. Beschwerden erreichten die
zuständigen Stellen nicht nur über die Höhe der Quote, sondern auch über die Art
der Unterbringung in Palästina. Ging es den „Misrachi“-Jugendlichen vorrangig
448 CZA, S75/1142, S. 181 f.
449 Angesichts zahlreicher „Scheineinschreibungen“, die die Wahrscheinlichkeit, ein Zertifikat zu er-
halten, vergrößern sollten, waren die Mitgliederzahlen im Grunde wenig aussagekräftig. Marduk
Schattner an Henrietta Szold und Georg Landauer, 6. 10. 1938. CZA, S75/1141, S. 451. Vgl. Anderl,
Emigration, S. 225.
450 Hebr.: Blitz.
451 Der Jugendbund der rechtssozialistischen Zionistinnen und Zionisten „Nachmania“ war der Nach-
folger des Vereins „Gordonia“.
452 Der „Haschachar“ war der Jugendverband der „Allgemeinen Zionisten A“, der sich mit dem reli-
giösen „Akiba“ zusammengeschlossen hatte.
453 Marduk Schattner an Henrietta Szold und Georg Landauer, 6. 10. 1938. CZA, S75/1141, S. 450.
454 Marduk Schattner an Henrietta Szold, 30. 11. 1938. CZA, S75/11421, S. 152.
Land der Verheißung – Ort der Zuflucht
Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
- Titel
- Land der Verheißung – Ort der Zuflucht
- Untertitel
- Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
- Autor
- Victoria Kumar
- Verlag
- Studienverlag Ges.m.b.H.
- Ort
- Innsbruck
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7065-5419-0
- Abmessungen
- 15.6 x 23.4 cm
- Seiten
- 216
- Schlagwörter
- Palestine/Israel, Aliyah/Zionism, Jewish history of Austria, National Socialism in Austria, Palästina/Israel, Alijah/Zionismus, Jüdische Geschichte Österreichs, Nationalsozialismus in Österreich
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918