Seite - 163 - in Land der Verheißung – Ort der Zuflucht - Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
Bild der Seite - 163 -
Text der Seite - 163 -
163
legalen Palästina-Wanderung andererseits das Schaffen von Alternativen erforderte,
die schließlich mit der „Alijah Beth“ gefunden wurden.461
Für die Zionistinnen und Zionisten war die illegale Alijah nicht nur eine organi-
sierte, zu großen Teilen selbst bestimmte Rettungsbewegung vor dem Nationalsozi-
alismus, sondern gleichzeitig eine Reaktion auf die britische Immigrationspolitik.462
Aus der Perspektive der britischen Mandatsmacht gesetzeswidrig, betrachtete die
zionistische Bewegung die Alijah als unumstößliches Recht und bezeichnete deshalb
auch die Einreise ohne Papiere nicht als „illegale“, sondern als „freie“ und „unab-
hängige“ Einwanderung. In der zionistischen Terminologie wird dennoch zwischen
„legaler“ („A-Einwanderung“) und „illegaler“ („B-Einwanderung“) Alijah – der
Begriff der „Alijah Beth“ bezieht sich demnach auf den zweiten Buchstaben des
hebräischen Alphabets
– sowie personenbezogen zwischen „Olim“ und „Ma’apilim“
unterschieden.463 Die „Alijah Beth“ war innerhalb der jüdischen Gemeinschaft nicht
unumstritten: Selbst zahlreiche führende zionistische Persönlichkeiten (darunter
Chaim Weizmann) sprachen sich lange Zeit gegen eine organisierte illegale Einwan-
derung aus, da sie die diplomatischen Beziehungen mit den Briten und die kontinu-
ierliche wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung des Landes nicht gefährden wollten.
Zudem versuchte die zionistische Bewegung weithin nach Herzls Vorstellungen,
also innerhalb internationaler Legalität und Anerkennung, zu agieren. Die ableh-
nende Haltung änderte sich in den meisten Fällen spätestens nach den Gescheh-
nissen des Novemberpogroms 1938. Zum Meinungsumschwung trug aber auch die
mit dem Weißbuch von 1939 einsetzende Verschärfung der Immigrationspolitik bei
sowie nicht zuletzt die Art und Weise, wie die Briten auf die „Alijah Beth“ reagier-
ten – im schlimmsten Fall wurden die „Ma’apilim“ interniert oder gar deportiert.
Auf der anderen Seite brachte die britische Kriegserklärung an Deutschland die
Zionisten in eine noch schwierigere Lage: „It created paradoxes of basic interests:
an opposition to British White Paper policy and a strong support and identification
with Great Britain in its war against Nazi Germany.“464 Auch die Position der Wiener
461 Der erste illegale Transport, der von Deutschland abging, verließ Berlin im März 1939. Bis zum
August 1940 sollen es nur sechs weitere gewesen sein. Über Wien und andere Abfahrtsorte gelangte
allerdings eine Vielzahl deutscher Jüdinnen und Juden nach Palästina. Vgl. Wetzel, Auswanderung,
S. 473.
462 Die Bedeutung der „Alijah Beth“ für die zionistische Bewegung war auch den Briten bewusst. Der
britische Geheimdienstbericht vom 17.
Mai 1939, in dem die vorliegenden Informationen zur Or-
ganisation der illegalen Einwanderung zusammengefasst wurden, beginnt mit folgender Einleitung:
„The present intensive illegal immigration campaign is attributable to two main factors: First, the
Jews cannot dissociate the refugee problem from Palestine. To thousands of persecuted Jews in
Europe Palestine stands as a haven of refuge and in attempting to reach it they have behind them
the pressure of anti-semitic Government and the sympathy of the entire Jewish and a great part of
the non-Jewish civilized world. Secondly, the present restriction on legal immigration, governed by
political considerations rather than absorptive capacity, has caused the Zionists to resort to illegal
immigration as a necessary means to the fulfilment of their aims.“ TNA, CO 733/396,5.
463 Nach Anderl, Emigration, S. 256–308, hier S. 256. Ebenfalls wird im Hebräischen für die illegale
Immigration der Begriff „Ha’apala“ verwendet. Siehe dazu auch Artur Patek, Jews on route to Pa-
lestine 1934–1944. Sketches from the history of the Aliyah Bet
– Clandestine Jewish Immigration,
Krakow 2012, S. 37 f.
464 Ofer, Holocaust, S. 23.
Land der Verheißung – Ort der Zuflucht
Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
- Titel
- Land der Verheißung – Ort der Zuflucht
- Untertitel
- Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
- Autor
- Victoria Kumar
- Verlag
- Studienverlag Ges.m.b.H.
- Ort
- Innsbruck
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7065-5419-0
- Abmessungen
- 15.6 x 23.4 cm
- Seiten
- 216
- Schlagwörter
- Palestine/Israel, Aliyah/Zionism, Jewish history of Austria, National Socialism in Austria, Palästina/Israel, Alijah/Zionismus, Jüdische Geschichte Österreichs, Nationalsozialismus in Österreich
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918