Seite - 164 - in Land der Verheißung – Ort der Zuflucht - Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
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Kultusgemeinde und des Palästina-Amtes wandelte sich im Zuge der radikalisierten
antijüdischen Politik – zunächst strikt abgelehnt, wurde die illegale Migration vor
allem nach Kriegsbeginn im September 1939 nicht nur geduldet, sondern bisweilen
inoffiziell gefördert.
Dem folgenden Kapitel, das die Organisation und Durchführung der illegalen
Palästina-Wanderung und deren Relevanz für die Flucht der österreichischen Jüdin-
nen und Juden ab 1938 darlegt, seien einige Anmerkungen zur Quellenproblematik
vorangestellt: Wie bereits festgehalten, sind quantitative Angaben zu Migrationsströ-
men, vor allem wenn diese vor dem Hintergrund von Verfolgung und Vertreibung
und deshalb fluchtartig und unorganisiert erfolgen, nur unter Vorbehalt möglich.
Das beim Zielland Palästina bestehende Phänomen der zumeist in Form von ille-
galen Schiffstransporten durchgeführten „Alijah Beth“ bringt zusätzliche Probleme
mit sich. Umfangreiche Korrespondenz zur Planung und Realisierung der Unter-
nehmungen (sowohl zwischen den verschiedenen zionistischen Institutionen als
auch zwischen Zionisten und Nationalsozialisten465) liegt zwar vor und informiert
etwa über die Finanzierung oder über Haltung und Druck der deutschen Behör-
den. Personenbezogene Aufzeichnungen zu den Teilnehmenden wurden allerdings
in den wenigsten Fällen gemacht, wäre dies doch dem Konzept der Aktion aufs
Gröbste zuwidergelaufen. Grundsätzlich wurden weder exakte Informationen zu
den Personen dokumentiert, die sich für die Transporte anmeldeten und sich in der
Folge tatsächlich an Bord der einzelnen Schiffe befanden, noch erfolgte
– logischer-
weise – eine freiwillige Registrierung nach der Ankunft. Wurden die Flüchtlinge
von den Briten aufgegriffen, verweigerten sie häufig jegliche Auskunft zur Herkunft
und zur Abwicklung der Transporte. Wenn die Passagiere überhaupt über Pässe
und andere Dokumente, die die Identität bezeugen konnten, verfügten, wurden
diese spätestens an Bord vernichtet. Aufgrund der Quellensituation müssen viele
Detailfragen zur illegalen Einwanderung offenbleiben. Fehlende bzw. lückenhafte
Aufzeichnungen zu den Transportteilnehmerinnen und -teilnehmern lassen beim
Versuch, die gesamte „Alijah Beth“ zu quantifizieren und dabei ebenfalls den Anteil
einzelner Länder zu ermitteln, nur grobe Schätzungen zu.466
Frühe illegale Einwanderung und „Alijah Beth“-Arbeit der
zionistischen Arbeiterbewegung
Illegale Migrationsbewegungen von Jüdinnen und Juden nach Palästina hatten
schon Ende des 19. Jahrhunderts existiert, nahmen parallel zum allgemeinen
Anstieg der Alijah aber erst in den 1920er und 1930er Jahren zu. Im 1937 veröf-
fentlichten britischen „Peel-Bericht“ werden drei Formen der jüdischen illegalen
Einwanderung unterschieden: 1. die illegale Einreise durch Umgehung der Grenz-
465 Aufgrund zahlreicher Gegnerinnen und Gegner auch innerhalb des eigenen Lagers wurden von
Zionisten und Nationalsozialisten nicht selten Codenamen wie „Sondertransporte“ und „Sonder-
hachscharah“ gebraucht.
466 Niederland, Immigration, S. 366.
Land der Verheißung – Ort der Zuflucht
Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
- Titel
- Land der Verheißung – Ort der Zuflucht
- Untertitel
- Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
- Autor
- Victoria Kumar
- Verlag
- Studienverlag Ges.m.b.H.
- Ort
- Innsbruck
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7065-5419-0
- Abmessungen
- 15.6 x 23.4 cm
- Seiten
- 216
- Schlagwörter
- Palestine/Israel, Aliyah/Zionism, Jewish history of Austria, National Socialism in Austria, Palästina/Israel, Alijah/Zionismus, Jüdische Geschichte Österreichs, Nationalsozialismus in Österreich
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918