Seite - 165 - in Land der Verheißung – Ort der Zuflucht - Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
Bild der Seite - 165 -
Text der Seite - 165 -
165
kontrolle; 2. die legale Einreise von Reisenden, die danach über die erlaubte Zeit
des temporären Aufenthaltes im Land blieben; 3. die Eheschließung ausländischer
Frauen mit a) palästinensischen Bürgern oder b) dauernd Aufenthaltsberechtig-
ten, die nicht palästinensische Bürger waren. Zu letzterem Punkt wurde vermerkt,
dass die Ehen zwar gesetzlich wären, ihnen aber die „wirkliche eheliche Absicht“
fehlen würde: Es gäbe eine Klasse von „gewerbsmäßigen Ehemännern“, „die sich
immer wieder formal verheiraten und scheiden lassen, wenn nur die Taxen und ein
Entgelt für sie selber bezahlt werden.“467 Nach Informationen der Briten wäre der
bisherige Höhepunkt mit 22.400 illegal immigrierten Jüdinnen und Juden in den
Jahren 1932 und 1933 erreicht worden, davon hätten 17.900 die Frist des Touris-
tenvisums unrechtmäßig überschritten. Ebenfalls erwähnt der Bericht die arabische
illegale Einwanderung, die als gelegentlich, zeitweilig und saisonbedingt beschrie-
ben wurde.468
In den Jahren vor 1938 erfolgte die „Alijah Beth“ noch häufig auf dem Landweg
–
vor allem von Jüdinnen und Juden, die aus den arabischen Nachbarstaaten kom-
mend die Grenze passierten
–, danach nahezu ausschließlich auf dem Seeweg. Die
ersten illegalen Schiffstransporte wurden ab 1934 als Reaktion auf die Diskrepanz
zwischen der Anzahl an auswanderungswilligen Pionieren und verfügbaren Arbei-
terzertifikaten von der zionistischen Arbeiterbewegung469 organisiert und brachten
überwiegend polnische Chaluzim nach Palästina. Während das Schiff „Velos“ rund
300 seiner Mitglieder im Sommer 1934 erfolgreich nach Palästina schleuste, wurde
der zweite im selben Jahr abgehende Transport von den Briten abgefangen und
die Passagiere nach Polen zurückgeschickt. Dieses Scheitern führte zur vorläufigen
Einstellung der illegalen Aktivitäten, die erst mit der Gründung des „Mossad le
‚Alija Beth‘“ („Ausschuss für illegale Einwanderung“) Anfang 1939 in größerem
Umfang wieder aufgenommen wurden. An der Organisation der nun einsetzenden,
auf die zionistische Arbeiterbewegung zurückgehenden Transporte waren mehrere
Stellen beteiligt: Die Leitung oblag der jüdischen Untergrundarmee „Haganah“, mit
den praktischen Fragen
– etwa Verhandlungen mit den Schiffsreedern, technische
Transportvorbereitung etc.
– waren die „Mossad“-Zentrale in Paris und die einzel-
nen Palästina-Ämter und chaluzischen Verbände betraut. Um in einen Transport
eingereiht zu werden, mussten prinzipiell dieselben Bedingungen erfüllt werden,
die auch für den Erhalt eines chaluzischen Zertifikates Voraussetzung waren (Hach-
scharah, einwandfreie körperliche und geistige Verfassung etc.). Finanziert wurde
die Aktion großteils von der „Zionistischen Weltorganisation“ und der Organi-
sation „Joint“.470 Maßgeblich verantwortlich für die von Österreich ausgehenden
467 Die hohe Scheidungsrate von 40 Prozent wäre dem „Peel-Bericht“ zufolge nur auf die unzähligen
auf die Einbürgerung abzielenden Scheinehen zurückzuführen.
468 Peel-Bericht, S. 328–330.
469 Zur von der zionistischen Arbeiterbewegung organisierten „Alijah Beth“ siehe vor allem Ehud
Avriel, Open the Gates! A Personal Story of „Illegal“ Immigration to Israel, New York 1975.
470 Die Haltung des „Joint“ zur „Alijah Beth“ war zwiespältig. Prinzipiell unterstützte er die Unterneh-
mungen und ließ den Organisationen, die er finanziell subventionierte, bei der Verwendung des
Budgets freie Hand. Vor allem zur Versorgung von an verschiedenen Orten gestrandeten Flücht-
lingen (u. a. für die „Kladovo-Gruppe“) wurden große Summen des „Joint“ herangezogen.
Land der Verheißung – Ort der Zuflucht
Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
- Titel
- Land der Verheißung – Ort der Zuflucht
- Untertitel
- Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
- Autor
- Victoria Kumar
- Verlag
- Studienverlag Ges.m.b.H.
- Ort
- Innsbruck
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7065-5419-0
- Abmessungen
- 15.6 x 23.4 cm
- Seiten
- 216
- Schlagwörter
- Palestine/Israel, Aliyah/Zionism, Jewish history of Austria, National Socialism in Austria, Palästina/Israel, Alijah/Zionismus, Jüdische Geschichte Österreichs, Nationalsozialismus in Österreich
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918