Seite - 174 - in Land der Verheißung – Ort der Zuflucht - Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
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zustellen, sofern keine Visa für die Enddestination vorhanden waren. Um welches
Reiseziel es sich dabei handelte, spielte offenbar keine Rolle, denn Perl und seine
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschafften den Flüchtlingen paraguayische Visa:
„In vain, the British officials pointed out that one hardly travels to Paraguay
via the Danube and the Black Sea! But the formal requirement of a „valid
visa of final destination“ had been fulfilled. It apparently never occurred to
anyone that one cannot sail to Paraguay any more than one can sail to Swit-
zerland, as Paraguay is a landlocked country and at least one other South
American visa would have been required to get there.“498
Besonderes Augenmerk wurde von den Briten auf Rumänien gelegt: Aus geographi-
schen und politischen Gründen wurde der Weg nach Palästina ab 1939 nicht mehr
über Griechenland, sondern hauptsächlich über rumänische Häfen genommen.
Die Vorteile dieser Route waren einerseits, dass keine Transitvisa für die Balkan-
länder eingeholt werden mussten; andererseits verfolgte die rumänische Regierung
eine äußerst tolerante Haltung zur jüdischen Emigration.499 Noch im Jahr 1938
wurde den Flüchtlingen die Durchreise, den „Alijah Beth“-Aktivisten die Einreise
erlaubt. Die Abwicklung der Transporte, die von Wien oder Prag über die Donau
direkt nach Constanta oder Sulina geschifft werden konnten, war dadurch erheblich
erleichtert worden.500 Obschon Rumänien jegliche Verantwortung für die Flücht-
linge, die auf einem internationalen Wasserweg reisen und in der Regel ohnehin
nicht an Land gehen würden, ablehnte, erhielten die zuständigen Behörden wie-
derholt Aufforderungen, bei der Bekämpfung der illegalen Palästina-Wanderung
zu kooperieren – etwa dahingehend, dass verdächtige Schiffe an der Einschiffung
und am Auslaufen gehindert werden würden.
Auch die in Palästina umzusetzenden Maßnahmen brachten mehrere Schwierig-
keiten mit sich. Das Ziel, die Transporte und die verantwortliche Crew abzufangen,
bevor die Passagiere auf kleinere Boote umgeladen wurden, war rechtlich proble-
matisch, da die Umschiffung in internationalen Gewässern erfolgte. Uneinigkeit
herrschte zunächst auch bei der Frage, wie mit den aufgegriffenen Flüchtlingen
umzugehen wäre. Die illegalen Immigrantinnen und Immigranten lediglich eine
Woche unter Quarantäne zu stellen wurde als unzureichende Bestrafung betrach-
tet und würde keine abschreckende Wirkung erzielen. Gegen eine Inhaftierung
sprachen der Mangel an „geeigneten“ Internierungscamps (in Palästina und
anderswo)501 sowie der personelle und finanzielle Aufwand; außerdem wurden
498 Perl, Operation, S. 159 f.
499 Großbritannien erklärte sich diese Haltung mit einer gewissen Furcht Rumäniens vor Deutschland,
das eine Verhinderung der jüdischen Auswanderung nicht goutieren würde.
500 Ofer, Holocaust, S. 77 f.
501 Diskutiert wurden die (später umgesetzten) Möglichkeiten, Internierungscamps auf Mauritius und
Zypern einzurichten, wobei die dortigen Gegebenheiten als zu „angenehm“ erachtet wurden: „Our
primary object is to deter illegal immigrants. Climatically Cyprus is so agreeable and geographically
so close to Palestine that Jews of Eastern European States would probably welcome internment
there, relying on their ultimate transfer to Palestine.“ TNA, CO 733/445/15.
Land der Verheißung – Ort der Zuflucht
Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
- Titel
- Land der Verheißung – Ort der Zuflucht
- Untertitel
- Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
- Autor
- Victoria Kumar
- Verlag
- Studienverlag Ges.m.b.H.
- Ort
- Innsbruck
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7065-5419-0
- Abmessungen
- 15.6 x 23.4 cm
- Seiten
- 216
- Schlagwörter
- Palestine/Israel, Aliyah/Zionism, Jewish history of Austria, National Socialism in Austria, Palästina/Israel, Alijah/Zionismus, Jüdische Geschichte Österreichs, Nationalsozialismus in Österreich
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918