Seite - 179 - in Land der Verheißung – Ort der Zuflucht - Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
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Immigration und den sozio-ökonomischen Kennzeichen der Immigrantinnen und
Immigranten auseinandergesetzt hat, zeigt auf, dass diese „weder in der Alters-
struktur und der Familiensituation, noch durch ihre berufliche Schichtung oder
auf der Ebene ihrer sprachlichen Voraussetzungen und ideologischen Einstellung“
den Lebensbedingungen des Landes entsprachen.517
Problematisch war vor allem die wirtschaftliche Situation: Zum Zeitpunkt, zu
dem der Großteil der österreichischen Jüdinnen und Juden nach Palästina kam, war
der Arbeitsmarkt aufgrund der Massen an vorangegangenen Einwanderergruppen
kaum noch aufnahmefähig. Der „Haavara-Transfer“, der deutschen Emigrantinnen
und Emigranten die Mitnahme von Kapital und Besitz ermöglicht hatte, war von
den Nationalsozialisten nicht auf das Gebiet des ehemaligen Österreichs ausgewei-
tet worden, wodurch österreichische Flüchtlinge überwiegend mittellos ins Land
kamen. Großteils ursprünglich im Mittel- und Kleinhandel oder in freien Beru-
fen tätig gewesen, verfügte die Mehrheit nicht über die für die Wirtschafts- und
Berufsstruktur Palästinas erforderlichen Qualifikationen. Zum Aufbau des Landes
war körperliche Arbeit in der Landwirtschaft und im Handwerk gefragt und jene,
die die notwendige physische Kraft und technischen Kenntnisse nicht mitbrachten,
galten in den Augen des Yishuvs als „nicht-konstruktive Elemente“.518 Vor allem
jüngere und ältere Personen mussten sich nach ihrer Ankunft erst entsprechend
aus- oder umbilden, waren häufig mehrere Monate auf finanzielle Unterstützung
und Fürsorge angewiesen und schlugen sich zunächst mit den unterschiedlichsten
Gelegenheitsarbeiten durch.519
Der für die Immigrantenorganisation „Hitachduth Olej Germania“ tätige Shlomo
Krolik entwarf im Sommer 1938 ein Programm für die Aufnahme von österreichi-
schen Immigrantinnen und Immigranten
– er ging von einer Zahl von 4.500 aus
–,
in welchem er die Ansiedlung der mittellosen Einwanderinnen und Einwanderer in
Kibbuzim, Moschawoth, Kwuzoth und in Siedlungen an den städtischen Periphe-
rien empfahl. Vorteilhaft für die Integration würden sich seiner Ansicht nach u. a.
die besseren Beschäftigungsmöglichkeiten und der geringere Lebensstandard in den
gemeinschaftlichen Ansiedlungen auswirken. Tatsächlich entschieden sich gerade
wegen der einfachen Lebensverhältnisse und der landwirtschaftlichen Arbeit, nur
wenige Immigrantinnen und Immigranten, hauptsächlich junge Unverheiratete,
für ein Leben in einem Kibbuz oder einem anderen Kollektiv, darunter z. B. die
Kibbuzim Givat Chaim, Givat Mordechai und En Gev. Anschaulich beschreibt Karl
Über die Österreicher in Israel (= Österreich-Israel-Studien, Bd. 2), Innsbruck u. a. 2002; Brigitte
Halbmayr, Emigration – Flucht – Vertreibung. Migrationsbewegungen österreichischer Jüdinnen
und Juden nach Palästina 1934–1948. In: Angelika Hagen/Joanna Nittenberg (Hg.), Flucht in die
Freiheit. Österreichische Juden in Palästina und Israel, Wien 2006, S. 79–89.
517 Niederland, Immigration, S. 382. Siehe dazu auch Christian W. Haerpfer, Israelische Bürger öster-
reichischer Herkunft. Eine statistische Analyse der quantitativen Befragung. In: Erika Weinzierl/
Otto D. Kulka (Hg.), Vertreibung und Neubeginn. Israelische Bürger österreichischer Herkunft,
Wien-Köln-Weimar 1992, S. 445–487.
518 Niederland, Immigration, S. 375.
519 In der Wiener zionistischen Zeitschrift „Stimme“ veröffentlichte der Schriftsteller Z. F. Finkelstein
die Artikelserie „Wiener in Israel“, in der österreichische Einwanderinnen und Einwanderer port-
rätiert, aber auch die Benachteiligungen im Yishuv thematisiert werden.
Land der Verheißung – Ort der Zuflucht
Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
- Titel
- Land der Verheißung – Ort der Zuflucht
- Untertitel
- Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
- Autor
- Victoria Kumar
- Verlag
- Studienverlag Ges.m.b.H.
- Ort
- Innsbruck
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7065-5419-0
- Abmessungen
- 15.6 x 23.4 cm
- Seiten
- 216
- Schlagwörter
- Palestine/Israel, Aliyah/Zionism, Jewish history of Austria, National Socialism in Austria, Palästina/Israel, Alijah/Zionismus, Jüdische Geschichte Österreichs, Nationalsozialismus in Österreich
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918