Seite - 185 - in Land der Verheißung – Ort der Zuflucht - Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
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Flucht und Vertreibung österreichischer
Jüdinnen und Juden 1938 bis 1945:
Zahlen und Destinationen
Nachdem der „Zionistische Landesverband“ bereits am 1. März 1940, der KKL
am 1. Mai und der KH am 31. Dezember aufgelöst worden waren, erging am
12.
Mai 1941 die Weisung, auch den Betrieb des Palästina-Amtes, das seit der Aus-
wanderung Alois Rothenbergs von Mauricy Moses Grün geleitet wurde, und das
Jugend-Alijah-Programm einzustellen. Der Rechnungsabschlussbericht wurde der
„Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ und der Gestapo Wien am 20.
Mai vor-
gelegt.531 Die einzige noch existierende jüdische Institution war die Wiener Kul-
tusgemeinde, deren Bemühungen, den noch in Wien verbliebenen Jüdinnen und
Juden und insbesondere den zahlreichen „Schutzhäftlingen“ zur Auswanderung
zu verhelfen, hinfällig wurden, als am 23.
Oktober 1941 eine Verfügung Himmlers
bekannt wurde, wonach die jüdische Emigration generell und mit sofortiger Wir-
kung zu verhindern wäre. Das Auswärtige Amt erhielt Mitte November die Weisung
Eichmanns, „dass im Hinblick auf die kommende Endlösung der europäischen
Judenfrage die Auswanderung von Juden aus den von uns besetzten Gebieten zu
unterbinden ist. […] Lediglich in ganz besonders gelagerten Einzelfällen, z. B. bei
Vorliegen eines positiven Reichsinteresses, kann durch das Reichssicherheitshaupt-
amt der Auswanderung einzelner Juden stattgegeben werden.“532 In der „Ostmark“
galt die „normale Auswanderung mit ganz wenigen Ausnahmen“ ab 10.
November
1941 eingestellt; im Hinblick auf die ersten Deportationen aus Wien (Oktober 1939
und Februar und März 1941) war die Periode der Zwangsauswanderung bereits
schrittweise in die Deportationsphase übergegangen.
Die Zahlen zur jüdischen Flucht aus Österreich belegen, dass die umfassenden
antijüdischen Initiativen ihr Ziel nicht verfehlt hatten: Die Praxis, mit der Jüdinnen
und Juden gedemütigt, entrechtet und beraubt außer Landes getrieben wurden,
erwies sich als derart effektiv, dass sie zum Vorbild und Maßstab für andere Teile des
Reichsgebietes wurde. Anders als in Deutschland, wo die Emigration in der ersten
Phase des NS-Regimes keineswegs die Hauptreaktion auf die Verfolgung bildete,
entschlossen sich vor allem führende Zionistinnen und Zionisten, Künstlerinnen
und Künstler und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler noch im März 1938
zur Flucht aus Österreich. Zwischen März und Dezember 1938 hatte sich die jüdi-
sche Bevölkerung von 181.882 (167.249 Jüdinnen und Juden lebten am 13.
März in
531 Archiv der IKG Wien/Bestand Wien/A/VIE/IKG/I-III/VEREI/Palästina-Amt/1/3.
532 Adolf Eichmann an Auswärtiges Amt 19. 11. 1941. Abgedr. in: Jochen v. Lang (Hg.), Das Eichmann-
Protokoll. Tonbandaufzeichnungen der israelischen Verhöre, Frankfurt am Main-Berlin 1985, o. S.
Land der Verheißung – Ort der Zuflucht
Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
- Titel
- Land der Verheißung – Ort der Zuflucht
- Untertitel
- Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
- Autor
- Victoria Kumar
- Verlag
- Studienverlag Ges.m.b.H.
- Ort
- Innsbruck
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7065-5419-0
- Abmessungen
- 15.6 x 23.4 cm
- Seiten
- 216
- Schlagwörter
- Palestine/Israel, Aliyah/Zionism, Jewish history of Austria, National Socialism in Austria, Palästina/Israel, Alijah/Zionismus, Jüdische Geschichte Österreichs, Nationalsozialismus in Österreich
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918