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Angelo So l iman.
Angelo Soliman, ein durch seine Schicksale, wie durch seine
seltene Bildung und Vortrefflichkeit des Charakters vorzüglich aus-
gezeichneter Neger, wgr in Afrika aus fürstlichem Geschlechte geboren.
In seinem 7. Jahre wurde er bey dem Einfall eines feindlichen Neger-
stammes, nachdem seine Altern unter ihren Streichen gefallen waren,
als Gefangener fortgeschleppt und an einen Christen verkauft, der ihm
den Nahmen Undreas beylegte und sein Schicksal so viel möglich er-
leichterte. Nach langer Zeit brachte ihn sein Herr in das Haus einer an-
sehnlichen reichen Dame nach Messina, welche ihn sehr gütig aufnahm
und in der Landessprache, so wie in mehreren nützlichen Kenntnissen un-
terrichten ließ. Nach einer überstandenen großen Krankheit nahm er den
christlichen Glauben an und erhielt in der Taufe die Nahmen Angelo
S o l i m a n , die er in der Folge immer führte. In dem Hause der
Marquise, seiner Gebietherinn, lernte ihn Fürst Lobkowitz, der als
kaiserl, General damahls in Sicilien war, kennen und gewann ihn so
lieb, dasi er nicht eher ruhte, bis ihm die Marquise endlich den artigen
Pagen überließ. So wuchs nun A. im Hause des Fürsten auf und wurde
dessen steter Begleiter auf Reisen und selbst bey Feldzügen, wo er sich
Mch'als tapferer Krieger auszeichnete. Nach dem Tode seines Oebiethers
kam A. in dgs Haus des Fürsten Wenzel Liechtenstein, der ihn
schon lange zu besitzen gewünscht hatte. Auch diesen zweyten Herrn be-
gleitete er auf seinen Reisen und hatte bey der Krönung des Kaisers
Joseph zu Frankfur t das Glück, im Spiele 20,000 Gulden zu
gewinnen. In seinen spätern Jahren vermähltg sich A. mit einer verwit-
weten Frau vonChristiani, gebornen K e l l e r m a n n, über welche Ver-
mählung, aus unbekannten Ursachen, der Fürst so aufgebracht war, daß
«er ihn nicht nur aus seinem Hause verbannte, fondern auch aus feinem
Testamente strich, worin er bereits vortheilhaft bedacht war, A. bezog nun
ein kleines Haus mit einem Garten, das er in einer Vorstadt Wien's
gekauft hatte; die sorgfaltige Erziehung seiner einzigen Tochter (welche
späterhin die Gattinn des Freyh. Ernst v. Feuchtersleben, nachmahl,
k.k. Hofraths, ward), die Pflege seines Gartens und der Umgang mit eini-
gen gebildeten Menschen machten seine Beschäftigung aus. Sein Gedächt-
niß war vortrefflich; er besaß viele gründliche Kenntnisse, war literarisch
gebildet, sprach Italienisch, Französisch und Deutsch mit gleicher Ge-
läufigkeit, und la§ (und sprach zur Noth) auch Latein, Böhmisch und
Englisch. Obschon nach der Weise seines Vaterlandes von Natur aufbrau-
send und heftig, hatte er doch, die Folge mühsamer Kämpfe und man-
ches Sieges über sich selbst, eine stets gleiche Heiterkeit und Sanftmuth
des Betragens erworben. NachFürst W. Liechtenstein's Tode machte
dessen Neffe und Erbe, Fürst Franz, dieUnbilligkeit seines Oheims wie-
der gut und setzte A. einen Iahresgehalt aus, vertraute ihm auch die Auf-
sicht über die Erziehung seines Sohnes, des Fürsten Aloys, und wies ihm
auch sammt seiner Familie eine Wohnung in dem fürstl. Pallast an. Noch
machte er theils in eigenen, theils in fremden Angelegenheiten mehrere
Reisen und wurde allenthalben, wo er hinkam, mit Achtung und Aus-
zeichnung aufgenommen. Bis in sein höchstes Alter genoß er einer unun-
terbrochenen Gesundheit. Obschon er sich den Sitten und Gebräuchen
Österreichische National-Enzyklopädie
Buchstabe A-D, Band 1
- Titel
- Österreichische National-Enzyklopädie
- Untertitel
- Buchstabe A-D
- Band
- 1
- Autoren
- Franz Gräffer
- Johann Czikann
- Verlag
- H. Strauß
- Ort
- Wien
- Datum
- 1835
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.3 x 22.0 cm
- Seiten
- 788
- Schlagwörter
- Nachschlagewerk, Biografien
- Kategorien
- Lexika National-Enzyklopädie