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H a y d n , I o s 529
die Herzen der Menschen für die Wunder der Tonkunst empfänglich blei-
ben.— Der glänzende Erfolg dieses Oratoriums veranlaßte van Swie-
ten eine zweyte Bearbeitung vorzunehmen, nähmlich jene der 4Jahres-
zeiten nach Thomson's herrlichem Gedichte gleiches Nahmens. Auch die»
ser Stoff, so reich an poetischen Schönheiten er an und für sich dasteht,
mißrieth dem zwar geistvollen, aber durchaus mit der Gabe der Dich»
tung nicht gesegneten Bearbeiter, dessen Producte jedoch wenigsteus das
große Verdienst haben, der Anlaß zu H.'s unsterblichen Leistungen ge-
wesen zu seyn, obwohl leider wahrscheinlich auch seines Todes. Denn H.
selbst war der Meinung , daß die unsägliche Mühe, welche ihm das Be-
kämpfen dieses schwierigen Sujets bereitet hatte, die nächste Ursache des
Kopfsiebers ausmachte, welches ihn fast unmittelbar nach der Vollendung
besiel, und von welchem er nur langsam, und nie wieder vollkommen
genas. Von dieser Zeit an schwände» seine Kräfte zusehends, welches
seine zahllosen Bewunderer und Freunde seinen baldigen Tod mit Recht
besorgen machte. — Das unvollendete Quartett Nr. 83, welches H.
dem großen Musikkenner, Grafen Mo r. F r ies , dedicirte, war sein
Abschied von der musikalischen Welt. Denn auf unablässiges, strenges
Verlangen des Arztes wurde das Clavier 1806 aus H.'s Zimmer ent-
fernt, um jeden Reiz zu seiner schönen Gewohnheitssünde, der Com«
position, von ihm hintanzuhalten. Daher kam es auch, daß das Quar-
tett ohne Finale geblieben ist, weil die erschöpften Kräfte des mehr als
?l>ja^rigen Greises nicht wieder zurückkehrten.— Ungefähr ein Jahr vor
seinem Tode erlebte er noch eine Huldigung, die gleich rühreud als loh-
nend für alle Theilnehmer seyn mußte.— Eine Gesellschaft kunstsinniger
Dilettanten führte dazumahl jeden Sonntag, regelmäßig Concerte in dem
Saale des Uninersitätsgebäudes auf, die durch die Wahl der zu produ-
cirenden Piepen, durch die Kunstleistungen der Exequirenden, und durch
den Rang des zugelassenen Publicums zu wahre» Festen musikalischen
Hochgenusses gemacht wurden. Am 27. März 1808 beschlossen sie ihre
Saison mit H.'s Schö pfu n g zu beenden, und zu krönen. Der Ver-
fasser selbst wargebethen, und konnte nicht umhin, sich nach dem Saale
schaffen zu lassen, wo seine Ankunft eine Scene herbeyführte, welche
das Verdienst des greisen Componisten mit dem süßesten Kranz der An«
erkennung lohnte. Ein jauchzender Zuruf empfing ihn,die schönsten Da-
men der Residenz sorgten für seine Bequemlichkeit und Pflege, man
überschüttete ihn mit Blumen, so daß es schien, als ob schon hiernie-
dm die Freuden der Unendlichkeit über das würdige Haupt aufgegossen
werden sollten. Die Aufführung selbst ging mit einer Gediegenheit und
Nundung vor sich, die nichts zu wünschen übrigließ. Der Beyfall er-
wies sich in der That als eine wirkliche Trunkenheit, und galt nicht min-
der den Virtuosen, als dem Tondichter. H. selbst, welcher sein Werk bey-
nahe nicht gehört hatte, außer als Dirigent, wurde so hingerissen, daß
er athemlos und in Thränen schwimmend den Gang des Tongemäl-
des verfolgte. Bey der tiefgedachten und ergreifenden Stelle: Gott
sprach, es werde Licht — und es ward Licht! wandte er seine über-
strömenden Blicke nach Oben, indem er schluchzend ausrief: „Nicht
von mirHerr! Von dir selber."—Als das Concert vorüber war, strömte
Oesterr. Nat. Vncykl. Bd. II. 34
Österreichische National-Enzyklopädie
Buchstabe E-H, Band 2
- Titel
- Österreichische National-Enzyklopädie
- Untertitel
- Buchstabe E-H
- Band
- 2
- Autoren
- Franz Gräffer
- Johann Czikann
- Verlag
- H. Strauß
- Ort
- Wien
- Datum
- 1835
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.3 x 22.0 cm
- Seiten
- 696
- Schlagwörter
- Nachschlagewerk, Biografien
- Kategorien
- Lexika National-Enzyklopädie