Seite - 671 - in Österreichische National-Enzyklopädie - Buchstabe E-H, Band 2
Bild der Seite - 671 -
Text der Seite - 671 -
Hussiten und Hussitenkrieg.
Kriegsglück zusammengehaltenen Taboriten und sammelten sich um ver-
schiedene Heerführer. Procovius Holy (d.i. der Geschorne, weil er
früher Mönch gewesen war), oder der Grosie, befehligte die Partey
die den Nahmen Taboriten beybehielt, die andere Partey glaubte, daß
sie nie einen Anfükrer, wie Ziska gewesen war, finden könne und
nannte sich deßhalb Orphaniten, d. i. Verwaiste; sie sammelte sich un-
ter mehreren Führern, unter denen Pro copius d er Klein e der be-
rühmteste war. Vergebens suchte der Kaiser in dieser Zeit, und früher
mehrmahls auf Reichstagen, von papstlichen Legaten unterstützt, das
Kreuz gegen die H. zu predigen. Immer kamen hemmende Umstände da«
zwischen, und die H. verheerten, ungestraft von Böhmen aus kleine
Streifzüge nach Sachsen, der Lausitz, Bayern, Franken, Österreich
machend, diese Provinzen, stets Böhmen als das gelobte Land, die
Nachbarländer als das Gebieth der Kanaaniten und Philister betrachtend,
und raubbegierige Schaaren andrer Nationen schlössen sich an die H. an.
Als ein Zug, den Friedrich d er Streitbare mit den Meißnern 1425
nach Böhmen machte, und ein anderer Versuch desselben, 1426 mit
20,000 M. das belagerte Aussig zu entsetzen, gänzlich mißlang und
hierbey über die Hälfte seines Heeres erschlagen ward, ergriff ein pani-
sches Schrecken ganz Deutschland. Dennoch brachte Sieg mund durch
den Cardinal Hein rich von Winchester 1427 einen wohlgeordneten
Zug gegen die Böhmen zusammen, der in 4 Colonnen das Land angrei-
fen sollte, allein die erste Colonne, die das Städtchen Mi es belagert',
ward beym Anrücken der H. von einem panischen Schrecken befallen, floh
und riß die andern beyden Colonnen, die ihr entgegenkamen, mitsich
zur Flucht fort und 10,000 M. wurden auf derselben ron den Böhmen
niedergemacht. Ein anderer Zug scheiterte wegen der neuen Auflagen,
die man damahls nicht gewohnt war, und gleiches Schicksal hatten Un-
terhandlungen, die der Kaiser 1428 und 1429 mit Proco p iu s dem
Großen anknüpfte, indem dieH. den Kaiser nur dann als König aner-
kennen wollten, wenn er die hussitische Lehre annähme. 1429 machten
die H. den ersten großen Einfall in Meißen, zogen an beyden Elbufern
hinunter und ins Magdeburgische und kehrten mit Beute beladen über
die Lausitz nach Böhmen zurück. Überall verbrannten sie die unhaltbaren
Orte. Im folgenden Jahre fielen sie, 70,000 Mann stark, wieder in
Sachsen ein; sie theilten sich in mehrer« Haufen, eroberten und verbrann-
ten Kolditz, Oschatz, Al tenburg, Krimmitschau,Plauen
u. s. w., schlugen ein sächsisches Heer bey Grimm a, berennten auch
Naumburg, zogen aber von da unverrichteter Dinge wieder ab, was in
sväteren Zeiten Anlaß zu der Sage gab, daß das Flehen des von Kindern
begleiteten Viertelmeisters Wolf den Procopius vermocht habe, abzu-
ziehen, welche Sage Kotzeb ue in seinen Hussiten vorNaumburg
benutzte. Die H. wendeten sich hierauf nach Franken, und kehrten über
Niederbayer» nach Böhmen zurück. Auf diesem Zuge hatten sie über 100
Städte und gegen 1400 Flecken undDörfer zerstört, und eine Colonne der
H. war in diesem oder dem vorigen Jahre selbst bis in die Gegend von D a n-
z ig vorgedrungen. Diese Einfalle hatten die Reichsfürsten aus ihrer Ruhe
aufgeschreckt. Hatten sich daher 1429 die Rüstungen zu einem Kreuzzug zer-
Österreichische National-Enzyklopädie
Buchstabe E-H, Band 2
- Titel
- Österreichische National-Enzyklopädie
- Untertitel
- Buchstabe E-H
- Band
- 2
- Autoren
- Franz Gräffer
- Johann Czikann
- Verlag
- H. Strauß
- Ort
- Wien
- Datum
- 1835
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.3 x 22.0 cm
- Seiten
- 696
- Schlagwörter
- Nachschlagewerk, Biografien
- Kategorien
- Lexika National-Enzyklopädie