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450 Ligne, Carl Jos. Fürst de.
ein Ersatz, der den Verlust weit überstieg. — Die Zeit seiner Zurück-
gezogenheit von öffentlichen Geschäften verwendete er auf literarische
Ausarbeitungen. Seine Memoires sind eine Frucht seiner vieljährigen,
militärischen Erfahrungen und gründlichen Kriegskenntniß, und wiewohl
man in ihnen Ordnung und Zusammenhang vermißt, indem L. nach
seiner eigenen Äußerung seine Gedanken jedesmahl so niederschrieb, wie
sie ihm kamen, so bleiben doch diese Memoires, durch die große Zahl
der Begebenheiten, die sie umständlich schildern, für die Geschichte jener
Periode von besonderer Wichtigkeit. Die Sammlung seiner übrigen
Werke biethet ebenfalls eine interessante Lectüre dar. — Eben so ver-
suchte sich auch L. in der Poesie, und zwar mit gutem Erfolge. Die
Herallsgabe seiner gesammten Werke in 35 Bänden besorgte er-selbst zu
Wien und Dresden 1795 —1811 unter dem Titel: Melange miluai-
res, iiieraires etc. Seine Oeuvres postnumes erschienen 1817 eb.
ist 6 Bänden. Die von ihm 1309 herausgekommene Schrift: Vie du
?rince Eugene de 8<zvove eciite par lui-meme ist lediglich fingirt.
Er selbst war ebenfalls noch bey seinen Lebzeiten der Gegenstand mehre-
rer Schriften. Frau von Stae l gab 1809 Lettres et pensees du
prince de I.igne heraus, eine Huldigung, die sie seinen Talenten und
seiner Liebenswürdigkeit darbrachte. — Die letzte Zeit seines Lebens,
als er zurückgezogen in ländlicher Stille zu Nußdorf nächst Wien
lebte, und eines heiteren Greisenalters genoß, war sein Haus der Ver-
einigungspunct der ausgezeichnetesten Personen. —. Als die Souveraine
1814 zu Wien bey dem Congresse versammelt waren, wurde er mit
ungemeiner Auszeichnung behandelt, und sein nie alternder Witz, seine
Heiterkeit und Lebhaftigkeit wurde allgemein bewundert. — In seinem
Privatleben vereinigte er die mannigfaltigsten Vorzüge. Sein trefflicher
Witz ohne Dornen, seine Lebendigkeit mit so viel Ruhe, so viel Eigen-
thümlichreit ohne Unart, die seltene Kunst, das Gespräch in ein Spiel
zu verwandeln, in dem er seinen Gegner gern gewinnet! ließ, und end-
lich die unerschöpfliche Güte des Herzens, die hohe Liebenswürdigkeit,
das immer rege Bedürfniß, Hülfe und Trost in jedes verwundete Herz
zu gießen, hatten über sein ganzes Wesen einen ihm eigenen und eben
deßhalb unverwelkten Reiz bereitet. Jedem Unglücklichen verwandt, war
seinHaus eineFreystätte der gebeugten Menschheit, wie es sich der geselli-
gen Freude öffnete. In einer langen Reihe von Jahren hat er, cinMann
von angenehmer Persönlichkeit, ein Muster von altfränkischer Feinheit
und Grazie, mit ausgezeichnetem Erfolge über das gesellschaftliche Leben
geherrscht. Eine Existenz, wie die seine, war eine g-nnz eigene Erschei-
nung, die von dem nicht begriffen werden kann, der nicht Zeuge davon
war. Durch seine vielen Verbindungen in allen Theilen des cultivirten
Europa's, noch mehr durch seine witzigen Worte, die oft mit unglaubli-
cher Schnelligkeit in den entferntesten Ländern wiederholt wurden, war
er nicht sowohl das Eigenthum einer Familie, eines Kreises von Freun-
den, einer Stadt, als er dem ganzen gebildeten Geschlechte seiner Zeir
angehörte, und dennoch — von der Familie, von den Freunden, von
der Stadt, in der er lebte, wurde er geliebt, als wäre er einzig für sie
/llle gewesen. Mit der unerschöpfiichen Anmuth seines Umganges'erfreute
Österreichische National-Enzyklopädie
Buchstabe I-M, Band 3
- Titel
- Österreichische National-Enzyklopädie
- Untertitel
- Buchstabe I-M
- Band
- 3
- Autoren
- Franz Gräffer
- Johann Czikann
- Verlag
- H. Strauß
- Ort
- Wien
- Datum
- 1835
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.3 x 22.0 cm
- Seiten
- 768
- Schlagwörter
- Nachschlagewerk, Biografien
- Kategorien
- Lexika National-Enzyklopädie