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verhalten wurden, um sich daselbst zum Lehramte auszubilden. Die 2
vorzüglichsten Lehrer dieser Schule waren Lerch und S t u r m , deren
wohlthätiges Wirken noch jetzt in ehrenvollem Andenken steht. L. bekannte
später oft, daß er diesen beyden Männern seine Liebe zu den Wissen-
schaften, zur Arbeit und Ordnung verdanke. Übrigens war er in die-
ser Schule, deren Cursus 4 Jahre dauerte, gegen viele Andere, da
er ungern auswendig lernte, selbst zurückgesetzt. Bloß im Slyle, wenn
Aufsätze gemacht werden sollten, und noch mehr in der Declamation
beym Vorlesen, galt er für ausgezeichnet, so, daß die Lehrer ihn, als
ihren besten Stylisten und Declamator bey öffentlichen Schauprüfungen
gleichsam zum Prunke aufstellten. — In seinem 9. Jahre, wo seine
körperlichen Kräfte sich schnell entwickelten, wurde er, durch falschgelei-
teten Unterricht eines Privailehrers, auf das Meer religiöser Zweifel
und Untersuchungen geführt, die seinen schwachen jugendlichen Geist so
sehr einnahmen, daß er sich ihnen ganz hingab, und den Sinn für alle
Freuden des Lebens verlor. Diese geistige Krankheit währte 3 Jahre.
Sein Vater erkannte Rettung nur in einer veränderten Richtung der
geistigen Thätigkeit und war kühn genug, den Knaben, der jetzt viel-
leicht der väterlichen Huth am meisten bedürfte, auf den Rath eines ver-
nünftigen Geistlichen nach Prag in die sogenannten lateinischen Stu-
dien zu schicken, wo er allein sich selbst überlassen war. Der Versuch ge-
lang. Der 13jährige Jüngling betrat 1794 das Gymnasium auf der Alt-
stadt in P rag , wo er bald an Professor Vo ig t (der die Rhetorik des
Aristoteles übersetzte) einen würdigen Lehrer und einen zweyten Vater
fand. Die vielen Lehrgegenstände brachten andere Ideen in seinen Kopf,
die Liebe zu den Claffikern beschäftigte ihn vollauf. Der Ehrgeiz wurde
rege und er errang bald die erste Stelle seiner Classe, die er bis an das
Ende seiner gymnasischen Studien behauptete. 1793 betrat er die Uni-
versität in P rag , wo ihn besonders der Vortrag des Professors A. G.
Meißner fesselte. Seine Hauptbeschäftigung wurde griechische Litera-
tur und Mathematik. In das Jahr 1800 fällt sein erster schriftstelleri-
scher Versuch, indem er mit einigen seiner Freunde eine Zeitschrift: „Die
Propyläen," herausgab, die aber im folgenden Jahre wieder einging,
weil er zu der sogenannten Legion überging, einem militärischen Corps
von 22,000 Mann, das der Erzherzog Car l errichtete und wozu er,
als Mitglieder seines Leibbataillons dieses Corps, die Studenten von
Prag aufforderte. Da aber nach 9 Monathen der Friede geschlossen
wurde, so wurde die Legion wieder aufgelöst und L. ging, mit seinen an-
dern akademischen Freunden, wieder zu seinen wissenschaftlichen Geschäf-
ten zurück. Er versuchte sich nun der Reihe nach in allen sogenannten Fa-
cultätsstudien, der Rechtsgelehrsamkeit, der Arzneykunde und selbst der
Theologie, ohne an einer von ihnen besonderes Behagen zu finden. Ei-
gentlich waren ihm die wenigen Vorlesungen von mitunter sehr mittel-
mäßigen Lehrern zuwider, und erfand, daß er, ohne fremde Hülfe,
durch Privatlecture weiter kommen und zugleich ungebunden thätig seyn
könne. Zu diesem Zwecke ging er 1803 als Erzieher der beyden Grafen
Nenard, aus dem berühmten Hause der Colonna, das dem römi-
schen Stuhl mehrere Päpste gegeben hatte, auf ihre Güter in dem österr.
Österreichische National-Enzyklopädie
Buchstabe I-M, Band 3
- Titel
- Österreichische National-Enzyklopädie
- Untertitel
- Buchstabe I-M
- Band
- 3
- Autoren
- Franz Gräffer
- Johann Czikann
- Verlag
- H. Strauß
- Ort
- Wien
- Datum
- 1835
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.3 x 22.0 cm
- Seiten
- 768
- Schlagwörter
- Nachschlagewerk, Biografien
- Kategorien
- Lexika National-Enzyklopädie