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Maximilian I., röm.' deutscher Raiser.
Bergknappen mittelst Seilen gerettet und seinen bekümmerten Verwand-
ten zurückgebracht. Unter seinen übrigen, oft tollkühnen, Iugendthaten
mögen noch folgende zu Beweisen seines Heldenmuthes, wie feiner Gei-
stesgegenwart dienen: Auf einer Bärenjagd fällte er 3 ergrimmte Bä-
ren, zwey Löwen trieb er zu Utrecht bloß mit einer Schaufel von
sich, in München stieß er einem 6jährigen Löwen die Faust in den
Rachen, und riß ihm die Zunge heraus. Allf hohe Thürme stieg er hin,
auf und maß, auf den Gelandern derselben stehend, mit den Füßen
abwechselnd, anderthalb Schuh, frey in die Luft hinaus. Schneelawi-
nen, Steingerölle donnerten auf der Jagd mehrmahls mit der augen-
scheinlichsten Gefahr über ihn hinweg, ohne seinen Muth zu erschüttern;
Steinböcke, die keinen Ausweg mehr hatten, drohten ihn oft in den
Abgrund zu reißen, vielmahls stürzte er mehrere Klafter hoch mit dem
Pferde. Beym Richten und Losbrennen der Stücke, worin im ganzen
kaiserl. Heere kein Constabler ihm gleich kam, so wie in Pulverkammern
und Zeughausern stellte er sich kühn den größten Gefahren bloß, ja er
suchte sie mit Abenteuerlichkeit auf die höchste Stufe zu bringen, riß sich
jedoch immer wieder mit der größten Besonnenheit heraus. Doch, was
ihn eigentlich zum großen Manne stämpelt, wäre er auch nicht zum
Scepter geboren gewesen, er verlor trotz aller Vorliebe für gefahrvolle
Abenteuer dieZeit zu größeren und ernsthafteren Dingen nicht, und un-
terschied sich in dieser Hinsicht sehr vortheilhaft von dem ihm in mancher
Beziehung ahnlichen König Richard Löwenherz von England.
Was nur Wenigengegeben ist, in sich zu vereinigen, Detail und Über-
sicht besaß M. im vollen Grade, verbunden mit Kenntniß der Welt,
der Mittel und einen wundervollen Combinationsgeist. Zwar haßte er
die damahlige Schnlphilosophie und die Rechte als unnütze Register von
Formeln und Zänkereyen, die Mathematik liebte er hingegen in ihrer
Anwendung auf das große Kriegesbandwerk, die Geschichte als Phy-
siologie und vorzüglich als Pathologie der Staaten. Er war, mit Recht,
stolz auf sein Haus, und begierig, wie Keiner, die vielumfassenden An-
sprüche desselben zu ergründen und auszuführen. — Von großen politi-
schen Folgen für das österr. Haus, so wie für das ganze europäische
St^atensystem war M.'s Vermahlung (1477) mit Mar ia von Bur-
gund, der Tochter des letzten Herzogs Carl des Kühnen, eines der
reichsten und machtigsten Fürsten seiner Zeit, der im Kampfe gegen die
Schweizer den 5. Jan. 1477 bey Nancy das Leben verlor. Freylich
zog Frankreich, nach mehrmahls erneuertem Kampfe, das Herzogthum
Burgund, als erledigtes Lehen ein, doch erwarb M. die Franche
Comte, Flandern, Brabant, Hennegau, Namur, Luxemburg, Lim-
burg, Artois, Antwerpen, Mecheln, Seeland, Holland, Westfries-
land, Geldern und Zütphen, von welchen Landern die meisten bis auf die
neueste Zeit im Besitze der Ha bs burg'schen Dynastie blieben. Freylich
erfuhr M. bald nach dieser Erwerbung, die zu einer Zeit, wo sein Erb-
reich durch die Eroberungsplane des tapferen Ungarkönigs Math ias
Corvinus in hohem Grade gefährdet wurde, um so wichtiger war,
auch den, ebenfalls bis in die neueste Zeit erhaltenen unruhigen Geist
der meisten dieser Provinzen. Kaum hatte, nach vierjähriger Ehe, M.
Österreichische National-Enzyklopädie
Buchstabe I-M, Band 3
- Titel
- Österreichische National-Enzyklopädie
- Untertitel
- Buchstabe I-M
- Band
- 3
- Autoren
- Franz Gräffer
- Johann Czikann
- Verlag
- H. Strauß
- Ort
- Wien
- Datum
- 1835
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.3 x 22.0 cm
- Seiten
- 768
- Schlagwörter
- Nachschlagewerk, Biografien
- Kategorien
- Lexika National-Enzyklopädie