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G o n n e n f e l s. 73
sucht zu haben, eingesetzt wurde; allein er wußte die Erwartung/ die
man von ihm hatte, durch eine Arbeit zu rechtfertigen, ^velche ihm den
Beyfall und die Zufriedenheit der Hofstellen erwarb. In der Folge er-
hielt er den Titel eines k. k. Rathes, wurde neben seiner Professur wei-
ter zum m'ederösterr. Regierungsrath ernannt und hielt dabey Vorlesungen
über den Geschäftsstyl. 1779 wurde er zum k. k. Hofrath befördert und
zu der Studien- und Censur-Hofcommission, ferner zu der Hofcommis-
sion in Gesetzsachen als Beysitzer zugezogen, bey welcher Letztern er zum
Viceprasidenten ernannt wurde. 1804 ward ihm als besonderes Merk-
mal der kaiserlichen Zufriedenheit das Kleinkreuz des St. Stephan-
Ordens verliehen. 1306 erhielr er vom Magistrate der Stadt Wien das
Bürgerrecht mittelst eines in sehr ehrenvollen Ausdrücken abgefaßten Di-
ploms. 1810 wurde er zum Präsidenten der k. k. Akademie der bildenden
Künste gewählt. — Ohne von Vorzügen der Geburt, ohne von Glücks-
gütern , ohne von dem Geiste seines Zeitalters und seiner Umgebungen
begünstigt zu seyn, ward er durch angeborne Naturgaben und eifrige
Verwendung Alles aus sich selbst, er verbreitete im steten Kampfe mit
den Vorurtheilen und der Scheelsucht der Unwissenheit, immer Licht und
Wahrheit um sich her, und aus mannigfaltig bedrängten Iugend-
jähren schwang er sich endlich ruhmvoll zum öffentlichen Lehrer und zu
den ansehnlichsten Würden und Ehren des Staates empor. Durch sein
Wirken und sein eifriges Bestreben ist ohne Zweifel in Wien und der
österr. Monarchie geistige Bildung früher entwickelt und schneller ver-
breitet worden, als der nur immer sachte fortschreitende Geist der Zeit es
vermocht hätte. Ihm verdankt Osterreich die ersten bedeutenden Verbesse-
rungen der Schrift- und Geschäftssprache. Zu einer Zeit, wo die Mor-
genröthe unserer deutschen Literatur mit Gelle rt und Raben er noch
kaum angebrochen war, wo noch Gottsched's Sprachgrillen als all-
gemeines Gesetz galten, wo noch kein Adelung mit eindringendem'
Scharfsinne die Grundsätze und den Vorrath unserer Sprache gemustert
und festgesetzt hatte, wo derselben Regelmäßigkeit und Reichthum noch
fast allenthalben verkannt und durch den Unrath fehlerhafter Sprechar-
ten und fremder Worte entstellt war; damahls schon hat S. unter uns,
um diese Sprache so wie um den Staat, sich ein unverkennbares Verdienst
erworben, indem er nicht nur selbst vorzüglich rein, anmuthig und blü-
hend schrieb, sondern auch durch den schon 1759 zu Stande gebrachten
Verein der damahls lebenden besten Köpfe Wien's, allgemein die Schreib-
art der Muttersprache zu verbessern sich bestrebte, später auch durch seine
Bemühungen es dahinbrachte, daß Joseph I I . ihm die gesetzmäßige
Verbesserung der Geschaftssprache übertrug. Die nach seinem Antrag
ergangene kaiserliche Verordnung von 1735, und der zugleich an der
Wiener hohen Schule errichtete Lehrstuhl über Geschäftssprache, zu des-
sen Leitfaden S. 1737 die erste Ausgabe seines Werkes: „Über den Ge-
schaftsstyl," vorlegte, sind als der Zeitpunct anzusehen, von welchem
an die Geschäfttsprache in den osterr. Kanzleyen überhaupt sich immer
mehr veredelte, und vorzüglich die ergangenen Patente, durch S.'s Feder
berichtigt, sich mit der vollkommenen Sprachrichtigkeit, der edlen Einfachheit
und der majestätischen Erhabenheit aussprachen, die überall der Gesetz-
Österreichische National-Enzyklopädie
Buchstabe See-V, Band 5
- Titel
- Österreichische National-Enzyklopädie
- Untertitel
- Buchstabe See-V
- Band
- 5
- Autoren
- Franz Gräffer
- Johann Czikann
- Verlag
- H. Strauß
- Ort
- Wien
- Datum
- 1835
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.3 x 22.0 cm
- Seiten
- 604
- Schlagwörter
- Nachschlagewerk, Biografien
- Kategorien
- Lexika National-Enzyklopädie