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Pflegeroboter aus Sicht der Geriatrie
Pflegeroboter, die physische und Kraft erfordernde Tätigkeiten übernehmen, ent-
sprechen zwar den Wunschvorstellungen vieler Pflegepersonen, erscheinen aber am
schwierigsten realisierbar, da bei einem Durchschnittsgewicht von zumindest 75 kg
einer pflegebedürftigen Person unter Berücksichtigung der Hebelwirkung und diverser
Sicherheitsreserven das entsprechende Robotersystem ein noch höheres Gewicht (oder
eine fixe Verbindung mit dem Gebäude) haben müsste und wahrscheinlich ziemlich
unförmig wäre, was sich mit der Enge von Wohn- und Innenräumen oft nicht verein-
baren lässt. Inwieweit sich die Unterstützung von Pflegepersonen mittels Exoskeletten
bei den angesprochenen Aufgaben durchsetzen wird, erscheint angesichts der bisherigen
Erfahrungen mit vergleichsweise geringen Lasten (Huysamen et al. 2018) ebenso frag-
lich wie deren Bezeichnung als „Pflegeroboter“.
Daher erscheinen „Pflegeroboter“ mit Aufgaben in den Bereichen Sicherheit, Thera-
pie, Holen und Bringen, Vermittlung von Erlebnissen, Information, Kommunikation und
Unterhaltung in absehbarer Zeit eher realisierbar. Die Robbe Paro stellt einen Ansatz
dar, wie Roboter in der Therapie von Menschen mit Demenz eingesetzt werden können
(Joranson et al. 2016). Ähnlich wie im STRANDS-Projekt zeigen die Erfahrungen mit
Paro deren Bedeutung im Rahmen von Gruppentherapien (Joranson et al. 2016) mit ent-
sprechenden Auswirkungen auf die Gruppendynamik. Neben speziellen Therapieauf-
gaben und der Funktion als Animator ist wohl der Informations-, Kommunikations- und
Unterhaltungsbereich am vielversprechendsten. Hohes Potenzial hat auch die Weiter-
entwicklung der Sensorik für Sicherheitsaufgaben, wie zum Beispiel zur Notfall- und
Sturzerkennung. Wir konnten zeigen, dass die Akzeptanz in diesem Bereich sehr hoch
ist, wenn die Systeme auch wirklich verlässlich funktionieren. Die Projekte HOBBIT
und STRANDS sind zwei der sehr seltenen Feldstudien, in welchen Roboter unter rea-
len Alltagsbedingungen über einen langen Zeitraum (mehrere Wochen) ohne techni-
sche Betreuung tatsächlich eingesetzt worden sind: HOBBIT in Privatwohnungen von
alleine lebenden SeniorInnen und STRANDS im Foyer- und Gangbereich einer großen
geriatrischen Pflege- und Rehabilitationseinrichtung. Während die Projektpartner aus
dem Bereich Technik und Computerwissenschaft ihre Erwartungen bezüglich des Ein-
satzes ihrer Robotersysteme außerhalb des Labors mit großer Zufriedenheit verfolgten,
machte sich bei den aus der Praxis des Geriatrie- und Pflegebereiches stammenden
Projektpartnern und bei den Nutzern Ernüchterung bis Enttäuschung breit, weil viele
der Funktionalitäten als viel zu plump oder zu langsam empfunden wurden oder die
Erwartungshaltung an die Vielfalt der eingesetzten Sensoren und deren Integration zu
hoch war. Dies hing allerdings mit dem begrenzten Budget für die Prototypentwicklung
im HOBBIT-Projekt und mit der Verwendung einer zugekauften Roboterforschungs-
plattform aus Serienproduktion im STRANDS-Projekt mit entsprechenden Limitationen
zusammen.
Natürlich ergeben sich auch wichtige ethische Fragestellungen, die in diesem Buch
an anderer Stelle ausführlicher zu Wort kommen und in unseren Projekten ebenfalls ein-
gehend reflektiert worden sind (Körtner 2016). Angesichts der auf uns zukommenden
Herausforderung, wenn die „Babyboomer“ nach Erreichen ihres Pensionsalters bald zu
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