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Robotik in der Pflege aus pflegewissenschaftlicher Perspektive
die Perspektive entwickelt, dass sich die professionelle Pflege zukünftig auf Leistungen
der Gesundheitsversorgung in engerem Sinne, d. h. einer medizinisch-pflegerisch orien-
tierten Pflegearbeit konzentrieren soll (Pflege als Cure-Arbeit im Sinne des SGB V)
und sozialpflegerische Aufgaben und Tätigkeiten (Pflege als Care-Arbeit im Sinne des
SGB XI, z. B. Alltagsbegleitung, soziale Teilhabe) dagegen von lebensweltnahen Instan-
zen (Familien, Freunde, Nachbarschaften etc.) übernommen werden (vgl. Hoberg et al.
2013).
Schließlich soll Pflege über den Einsatz von neuen Technologien unterstützt, entlastet
und vernetzt werden. Nachdem der Fokus in den vergangenen Jahren vornehmlich auf
die Entwicklung und Verbreitung von IKT-Systemen und assistiven Technologien zur
Unterstützung der Pflege gerichtet war (vgl. Roland Berger et al. 2017; BAuA 2015),
gewinnt die Diskussion um autonome Systeme in der Pflege – oder umgangssprachlich
„Pflegeroboter“ – derzeit zunehmend an Bedeutung (vgl. Depner und Hülsken-
Giesler
2017; Hülsken-Giesler 2015; Becker et al. 2013; Krings et al. 2012; Meyer 2011). Struk-
turell wird dem Ansatz eines „Hilfe-Mix“ aus informeller und professioneller Pflege
damit ein neues Element hinzugefügt. Innovative technische Systeme sollen einerseits
dafür genutzt werden, funktionale Aspekte der Pflegearbeit zu unterstützen (z. B. in
Bezug auf Sicherheit, Mobilität, Ernährung, Kommunikation etc.). Andererseits sollen
sie die Vernetzung von Hilfeempfängern, informellen und professionellen Helfern ver-
bessern und darüber die Koordination einer bedarfsgerechten Pflegearbeit in komplexen
Gefügen sicherstellen (vgl. Hülsken-Giesler und Krings 2015; Hülsken-Giesler 2015).
Altersgerechte Assistenzsysteme oder zukünftig auch Pflegeroboter fokussieren häufig
darauf, alltags- und lebensweltnahe Unterstützungsleistungen für einen möglichst lan-
gen und selbstständigen Verbleib in der gewünschten Lebens- und Wohnumgebung zu
ermöglichen. Darüber hinaus bieten viele Systeme auch die Möglichkeit, spezifische
medizinisch-pflegerische Daten zu erheben und – meist internetgestützt – über räumliche
Distanzen hinweg zu kommunizieren. Es wird erwartet (und EU- wie bundespolitisch
erwünscht und gefördert), dass diese Technologien zukünftig eine erhebliche Rolle in
Gesundheit und Pflege spielen werden, da ihnen das Potenzial zugesprochen wird, einer-
seits die Autonomie beeinträchtigter Menschen zu erhöhen und andererseits zu einer
psychischen und physischen Entlastung von Pflegenden beizutragen (vgl. BAuA 2015;
Europäische Kommission 2015).
Dabei verdankt sich das jüngste Interesse an der Entwicklung und Verbreitung von
Pflegerobotik keineswegs eindimensional dem Ansinnen, die erwarteten Engpässe auf der
Mikroebene der Versorgung im Kontext der demografischen Entwicklung zu bekämpfen.
Vielmehr ist davon auszugehen, dass die mediale Aufmerksamkeit für Pflegerobotik, ins-
besondere aber auch die erheblichen politischen Bemühungen zur (nicht nur finanziel-
len) Förderung der Entwicklung und Verbreitung von Pflegerobotik in einem breiten
Kontext europäischer Innovationspolitik zu deuten sind (vgl. Lipp 2017, S. 110). Dem-
nach bereitet die massive Unterstützung der Zusammenarbeit von Forschung, Industrie
und öffentlichen Einrichtungen am Beispiel der Pflegerobotik auf einen insgesamt breite-
ren Einsatz von Robotern in sozialen Bezügen vor. Das Projekt robotisierter Pflege steht
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