Seite - 144 - in Pflegeroboter
Bild der Seite - 144 -
Text der Seite - 144 -
144 C. Kehl
Bedürfnisse dieser Personengruppe vor. Für andere Robotertypen dürfte Ähnliches gel-
ten. Vor diesem Hintergrund ist der Ruf nach einer Technikentwicklung, die sich pri-
mär an „handfesten Bedarfen“ orientiert (und weniger am technisch Umsetzbaren oder
ökonomisch Vorteilhaften), in den letzten Jahren immer lauter geworden. Angemahnt
wird nichts weniger als ein „Paradigmenwechsel“ hin zu einer Forschungs- und Ent-
wicklungsperspektive, welche „die Bedürfnis- und Bedarfslagen von pflegebedürftigen
Menschen und deren Bezugspersonen“ in den Mittelpunkt der technischen Entwicklung
stellt (Elsbernd et al. 2014, S. 12). Für die Pflegerobotik erscheint dies besonders drän-
gend, da man es hierbei mit einer Technologie zu tun hat, die aufgrund ihrer Interaktivi-
tät und zunehmenden Autonomiefähigkeit ganz neue technische Möglichkeiten bietet,
die aber gerade nicht Selbstzweck sein dürfen, sondern die es sinnvoll – und zwar im
Sinne guter Pflege – nutzbar zu machen gilt. Wie dieser Anspruch methodisch einzu-
lösen ist, ist noch in vielerlei Hinsicht offen. Zwar ist es in etlichen Technikbereichen
längst etabliert, Aspekte der Usability frühzeitig aufzugreifen, im Feld der Pflegerobo-
tik betritt man diesbezüglich jedoch weitgehend Neuland. Die Anforderungen sind hier
auch besonders hoch: Nicht nur die potenziell große Eingriffstiefe der Servicerobotik,
auch die Komplexität der Pflegearrangements mit ihren vielen involvierten Akteuren
(Pflegebedürftige, Angehörige, professionell Pflegende, Dienstleister etc.) stellen hohe
Ansprüche an eine bedarfsorientierte Vorgehensweise. Eines der ersten Projekte, das sich
mit Umsetzungsmöglichkeiten befasste, ist WiMi-Care („Förderung des Wissenstransfers
für eine aktive Mitgestaltung des Pflegesektors durch Mikrosystemtechnik“), das von 2008
bis 2011 durchgeführt wurde.1 Die dort entwickelten Verfahren sind inzwischen in diver-
sen anderen Entwicklungsprojekten erprobt und weiterentwickelt worden, beruhend auf
folgenden Kernelementen (vgl. Derpmann und Compagna 2009; Kehl 2018, S. 161 ff.):
1. Interdisziplinäre Bedarfserhebung: Eine bedarfsorientierte Technikentwicklung setzt
idealerweise direkt bei der Erhebung der Bedarfe an, ohne dass vorab irgendwelche
technischen Festlegungen (etwa hinsichtlich Art oder Design der zu entwickelnden
Geräte) getroffen werden. Zuallererst geht es also darum, ein genaues Verständ-
nis für die tatsächlichen (und nicht nur unterstellten) Lebens- und Problemlagen der
potenziellen Nutzer zu entwickeln. In der Regel greift man dabei auf Methoden der
qualitativen Sozialforschung zurück (teilnehmende Beobachtung, Einzel- sowie
Gruppeninterviews). Auf Basis einer gründlichen Beschreibung der bestehenden
1Ziel dieses vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Verbundvorhabens
war die Erprobung sinnvoller, d. h. bedarfsgerechter Unterstützungsmöglichkeiten durch die Ser-
vicerobotik im stationären Pflegekontext (https://www.uni-due.de/wimi-care/). Dazu wurde u. a.
Care-O-bot 3 in zwei Einsatzszenarien getestet: als mobiler Butler sowie als Unterhaltungsplatt-
form. Im Vordergrund von Wimi-Care stand die Entwicklung einer „Wissenstransferschleife“ für
die interdisziplinäre Interaktion und Kommunikation, die von den Entwicklern über die Hersteller
hin zu den Anwendern reicht.
zurück zum
Buch Pflegeroboter"