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148 C. Kehl
verschiedenen GrĂĽnden MĂĽhe, in Problemkonstellationen, wie sie sich aktuell im
Bereich der Pflegerobotik abzeichnen, dieser Aufgabe gerecht zu werden:
1. Unsicherheit der Folgenabschätzung: Quelle normativer Unsicherheiten und mithin
Gegenstand der ethischen Bewertung ist in der Regel nicht die Technik an sich, sondern
deren Rolle in konkreten soziotechnischen Handlungszusammenhängen (Grunwald
2013a, S. 4). Dazu gehören wesentlich die intendierten sowie nicht intendierten Folgen,
die mit einem Technikeinsatz verbunden sind und deren moralische Implikationen es
ethisch zu klären gilt. In Feldern wie der Pflegerobotik, die sich noch in einem sehr
frühen Stadium der Entwicklung befinden und deren Anwendungsmöglichkeiten sich
folglich erst unscharf abzeichnen, ist diese konsequenzialistische (folgenorientierte)
Herangehensweise mit grundlegenden Problemen konfrontiert – schließlich liegen die
Technikfolgen noch weitgehend im Dunkeln, womit auch deren ethische Beurteilung
weitgehend ins Leere läuft (was jedoch im Grunde ein Problem unzureichenden prog-
nostischen Wissens und keines der normativen Bewertung an sich darstellt). Die Ethik
ist in solchen Fällen entweder auf deontologische Argumentationsmuster – also die
Bewertung der Handlung selbst, ungeachtet ihrer Konsequenzen – oder die Formulie-
rung hypothetischer Einsatzszenarien zurĂĽckgeworfen, wobei letztere jedoch u. a. auf-
grund ihrer weitgehend spekulativen Natur angreifbar erscheinen (Abschn. 8.4).
2. Systemische Effekte: Die soeben beschriebenen Probleme bei der Folgenbeurteilung
verkomplizieren sich weiter dadurch, dass die Einbindung neuer Technologien in die
Pflege – wie vorliegende Untersuchungen zeigen (Hielscher et al. 2015; Ruiter et al.
2016) – vielfältige und teils subtile, also schwer vorhersehbare Effekte auf die Pflege-
arbeit haben kann. Selbst eine so harmlos erscheinende Innovation wie die elektro-
nische Patientenakte schafft neue Sachzwänge, „die das Entscheidungsverhalten der
Pflegenden und Ärzte nachhaltig beeinflussen und verändern“ (Manzei 2009, S. 50).
Dies dĂĽrfte in besonderem MaĂźe fĂĽr die Pflegerobotik gelten, von der aufgrund ihrer
autonomen sowie manipulativen Fähigkeiten besonders weitreichende Folgen (für
Pflegehandeln, soziale Interaktionen, berufliche Kompetenzanforderungen etc.) zu
erwarten sind. So mĂĽssen neben den eigentlichen Arbeitsprozessen nicht selten auch
logistische Abläufe sowie das Wohnumfeld angepasst werden, um die autonomen
Helfer sinnvoll in die Pflegearbeit einbetten zu können. Die Chancen und Risiken
der Pflegerobotik sind deshalb ganzheitlich zu beurteilen: in den Blick zu nehmen ist
nicht nur die eigentliche Mensch-Maschine-Interaktion, sondern das Veränderungs-
potenzial fĂĽr die soziotechnischen Pflegearrangements insgesamt.
3. Vielgestaltigkeit der Anwendungen: SchlieĂźlich kommt erschwerend hinzu, dass
die Pflegerobotik keinen monolithischen Bereich bildet, sondern in vielfältige
Anwendungsbereiche und Anwendungen zerfällt – korrespondierend zu der starken
Ausdifferenzierung pflegerischer Dienstleistungsbereiche (siehe oben). Das Spektrum
der Einsatzmöglichkeiten reicht von einfachen Handhabungs- und Mobilitätshilfen
(Esshilfen, Exoskelette etc.) ĂĽber sozial-interaktive Therapieroboter wie die Robbe
Paro bis hin zu mehr oder weniger komplexen Assistenzrobotern, die wiederum fĂĽr
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