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Wege zu verantwortungsvoller Forschung und Entwicklung …
der Technikentwicklung sollten deshalb auch nicht allzu hochgeschraubt werden, wie die
Erfahrungen aus dem Bereich der Nanotechnologie zeigen (vgl. Grunwald 2015).
Im Rahmen der angewandten Ethik sind erste Methoden entwickelt worden, die es
ermöglichen sollen, ethische Problemstellen emergierender Technologien im Ent-
wicklungsprozess systematisch offenzulegen und bearbeitbar zu machen. Ein Beispiel
dafür ist das vom BMBF initiierte MEESTAR-Modell („Modell zur ethischen Evalua-
tion sozio-technischer Arrangements“, vgl. Manzeschke et al. 2013), das speziell auf
neue Technologien im Pflegebereich fokussiert ist.3 MEESTAR bietet einen struktu-
rierenden Rahmen „zur Reflexion und Evaluation konkreter ethischer Fragen und ihrer
angemessenen BerĂĽcksichtigung im Forschungs-, Entwicklungs- und Anwendungs-
bereich“ innovativer Pflegetechnologien (Manzeschke 2014, S. 11). Im Zentrum
stehen sieben ethische Dimensionen (FĂĽrsorge, Autonomie, Sicherheit, Privatheit,
Gerechtigkeit, Teilhabe, Selbstverständnis), deren ethische Bedenklichkeit (von völlig
unproblematisch bis nicht akzeptabel) es mit Blick auf drei Ebenen (individuell, organi-
sational, gesellschaftlich) einzustufen gilt. Idealerweise geschieht dies im Rahmen eines
mehrtägigen interdisziplinären Workshops, in dem diese Aspekte mit konkretem Blick
auf eine zu entwickelnde Technologie zu analysieren und zu diskutieren sind.
Das Ziel ist, dass sich die Projektbeteiligten „ein gemeinsames Bild von der
Anwendung“ verschaffen und „zu einem gemeinsamen ethisch begründeten Urteil
gelangen, ob und welche Aspekte ihres Projektes einer besonderen Aufmerksamkeit
bedürfen“ und wie Lösungsansätze aussehen könnten (Manzeschke 2014; zum konkreten
Ablauf vgl. Manzeschke 2015). Das Ziel ist jedoch explizit nicht, zu einer „generellen
und eindeutigen Bewertung“ einer bestimmten Anwendung zu kommen. MEESTAR
ist damit vor allem als ein Verfahren zu sehen, „potenzielle Konflikte zu explizieren
und Anregung zur Abwägung unterschiedlicher Ansprüche und Interessen zu geben“
(Weber 2015, S. 259). Zentraler normativer MaĂźstab ist dabei weniger die fachethische
Expertise, sondern die Perspektive der an der Entwicklung, dem Einsatz und der Nut-
zung beteiligten Personen, die natĂĽrlich kontrovers und damit aushandlungsbedĂĽrftig ist.
Der Ethik als Fachdisziplin kommt daher eher die Rolle eines Vermittlers oder Konflikt-
moderators als die eines Schiedsrichters zu, womit sich eine These des Wissenschafts-
soziologen Alexander Bogners exemplarisch zu bestätigen scheint. Bogner weist darauf
hin, dass mit der Ethisierung der Governance – also der wachsenden Bedeutung der
Ethik zur Problematisierung von Wissenschafts- und Technikkonflikten – ein grund-
legender „Formwandel der Expertise“ einhergeht, der paradoxerweise mit der Abwertung
der fachethischen Expertise und gleichzeitig der Aufwertung von deliberativen, partizi-
pativen Verfahren als Legitimationsressource verbunden ist (Bogner 2011). „In diesem
Sinne lässt sich Ethisierung als diskursive Entsprechung einer Governance verstehen, die
auf Deliberation, Beteiligung und Prozeduralisierung setzt“ (Bogner 2011).
3Vergleichbare Ansätze, die ebenfalls erst rudimentär ausgearbeitet sind, stammen von van
Wynsberghe (2013) sowie Stahl und Coeckelbergh (2016).
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