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152 C. Kehl
RRI ist dafür zweifelsohne ein herausragendes Beispiel, insofern die Ethik hierbei als
zentrale „Triebkraft der Technikentwicklung“ fungieren soll (Bogner et al. 2015, S. 12).
Das heißt aber gerade nicht, dass Technology Governance exklusiv in die Hände von
professionellen Ethikern sowie anderer Experten gelegt würde. Vielmehr ist die ethische
Reflexion von Forschungs- und Innovationsprozessen im Sinne des RRI-Ansatzes auf
die möglichst breite Beteiligung und Mitwirkung von Stakeholdern (public engagement)
sowie den öffentlichen Diskurs angewiesen, da die Gesellschaft letztlich die einzige legi-
time Instanz ist, die über die gesellschaftliche Wünschbarkeit einer Entwicklung befinden
kann. Insofern ist ein wichtiger Aspekt von RRI, die widerstreitenden Interessen, Ziele
und Wertvorstellungen von Akteuren deliberativ offenzulegen, um auf dieser Basis einen
kollektiven Reflexionsprozess über wünschenswerte Ziele in Gang setzen zu können (vgl.
Lindner et al. 2016, S. 13 f.). Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass „gesellschaft-
liche Reflexions- und Kritikkapazitäten“ eine wesentliche Ressource antizipativer Gover-
nance sind. Was Wehling (2010) hier für Enhancement-Technologien festgestellt hat, gilt
zweifelsohne auch für die Pflegerobotik. Mit Blick auf deren verantwortungsvolle Ent-
wicklung ist folglich festzuhalten, dass neben der bedarfsorientierten Ausrichtung von
Forschung und Entwicklung sowie der Berücksichtigung designethischer Fragen auch die
diskursiven Rahmenbedingungen von ausschlaggebender Bedeutung sind. Zu reflektie-
ren ist insbesondere, ob neben robotischen auch nichttechnische Lösungen der Pflege-
probleme infrage kommen oder evtl. gar angemessener sind, und letztlich, inwieweit
eine Technisierung der Pflegesituation überhaupt zulässig sein soll. Wird Forschung
und Innovation zu innovativen Pflegetechnologien nicht entsprechend in einen breiten
gesellschaftlichen Diskurs eingebettet, droht angesichts handfester wirtschaftlicher Sach-
zwänge und Interessen eine implizite und vorschnelle Festlegung auf bestimmte techno-
logische Entwicklungspfade, was offensichtlich wenig verantwortungsvoll wäre.
8.3 Mit Robotern gegen den Pflegenotstand? Politische und
diskursive Aspekte
Bereits heute gelten die personellen Bedingungen in der Pflegeversorgung in Deutsch-
land als äußerst prekär, und aufgrund der demografischen Alterung der Bevölkerung ist
eine weitere Verschärfung der Situation zu erwarten. Seit einigen Jahren versucht die
Bundesregierung deshalb, mit anhaltenden institutionellen Reformen eine finanzielle
sowie personelle Schieflage des umlagefinanzierten Pflegesystems abzuwenden und
Pflege „demografiefest“ zu gestalten.4 Trotz dieser umfassenden Maßnahmen gilt als
4So wurden in den letzten Jahren mit den sogenannten Pflegestärkungsgesetzen ein Pflegevorsorge-
fonds eingerichtet, der Pflegebedürftigkeitsbegriff neu definiert (um auch geistige und seelische
Beeinträchtigungen besser berücksichtigen zu können) sowie die Beitragssätze zur Pflegever-
sicherung erhöht (vgl. http://www.pflegestaerkungsgesetz.de). Parallel wird durch eine Pflegeberu-
fereform auch die Pflegeausbildung ganz neu organisiert.
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