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Pflegeroboter: Analyse und Bewertung aus Sicht …
werden; das heißt, mit Fragen der ethischen Bewertung und Beurteilung technisch
hochkomplexer Artefakte, deren Einsatz im Umkreis sehr vulnerabler Personen unter
bestimmten Bedingungen problematisch sein kann.
9.2 Ziele und Erwartungen
Ein Grundsatz bei der Entwicklung und Anwendung verschiedener Assistenzsysteme im
Berufsfeld Pflege lautet, dass sie nicht nur der physischen Unterstützung oder dem Aus-
gleich funktioneller Verluste, sondern auch der Verbesserung von Lebensqualität dienen
sollen. Dabei handelt es sich um analytische Bewertungskonstrukte, die von der jeweils
eingenommenen Beurteilungsperspektive und den für sie bspw. in institutionellen Kon-
texten maßgebenden, wissenschaftlich standardisierten Bewertungssystemen abhängig
sind. „Lebensqualität“ wird in gesellschaftlichen Untersuchungszusammenhängen
bekanntlich soziologisch anders definiert und methodisch gemessen als in Kontexten der
Versorgung gesundheitlich eingeschränkter Personen (Kruse 2003).
Die Frage nach der Beurteilungsperspektive stellt sich nicht nur als ein wissenschafts-
internes Problem. Die Frage stellt sich vielmehr auch als eine der politischen Öko-
nomie, das heißt der Erwartung zahlreicher administrativer Entscheider an technische
Entwicklungen, inwieweit sich angesichts des demografischen und epidemiologischen
Wandels finanzielle Zusatzbelastungen durch technische Rationalisierungen begrenzen,
kurzum durch Technik personelle Einspareffekte erzielen lassen. Damit erhebt sich aber
eine grundsätzliche Frage nach der tatsächlichen technischen Substituierbarkeit höchst
persönlich zu erbringender Hilfe-, Unterstützungs- oder Beratungsaufgaben bzw. nach
dem Grad und dem Umfang ihrer Substituierbarkeit. Diese Erwartungen richten sich
auch auf die Einführung robotischer Systeme. Sie sind keineswegs illegitim, schon allein
aus zwei Gründen: In bestimmten Bereichen und im Hinblick auf bestimmte (funktio-
nelle) Aufgaben könnte der maschinelle Ersatz (etwa in Bereichen schambesetzter
Intimität oder auch der bloß repetitiven Verrichtung fachlich weniger anspruchsvoller
unterstützender Tätigkeiten) willkommen sein. In dieser Hinsicht bedarf es klarer Ab-
und Eingrenzungen. Diese hängen aber nicht nur von operationellen Einschätzungen
pflegerischer Aufgaben ab, sondern auch von den damit in den meisten Fällen ver-
bundenen emotional bedeutsamen Anteilen persönlicher Zuwendung. Es sind daher
differenzierte Beurteilungsmaßstäbe des substituierenden Einsatzes zum Beispiel roboti-
scher Unterstützungssysteme zu entwickeln, abhängig wiederum von einer Vielzahl
moralischer Standpunkte und unterschiedlicher ethischer Bewertungsperspektiven.
Es ist im Sinne differenzierter Bedarfsanalysen sowie anspruchsvoller Evaluatio-
nen auf eine Klärung der Beurteilungsperspektiven zu drängen. Ob die Perspektive der
Betroffenen oder der Angehörigen eingenommen wird oder die Perspektive professio-
neller Akteure oder die Perspektive der politischen Öffentlichkeit, hat Auswirkungen auf
die Bewertung. Im Hinblick auf eine Perspektive der politischen Öffentlichkeit werden
zukünftig gesellschaftliche Diskurse zu immer dringlicher werdenden Fragen zu führen
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