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172 H. Remmers
Ernst zu nehmen sind kritische Hinweise, dass mit der Einführung von Assistenztechno-
logien ein Einstellungswandel verbunden sein kann. Dies betrifft zum einen bestimmte
Erwartungen älterer Personen gegenüber ihren Mitmenschen, zum anderen gesellschaft-
liche Vorstellungen von Verantwortung (vgl. Hinman 2009; Sparrow und Sparrow 2006).
Bei der Diskussion dieser ethischen Bedenken sollten allerdings der seit etlichen Jahr-
zehnten sich vollziehende Wandel von Familienstrukturen und die damit zusammen-
hängenden Veränderungen affektiver Bindungen sowie subjektiv zugeschriebener
Verantwortlichkeiten erwachsener Kinder gegenüber ihren Eltern bedacht werden.
Bei der ethischen Bewertung, welche Folgen der Einsatz von Robotern für soziale
Interaktionen älterer Menschen hat, sollten Studien von Berkman und Syme (1979) zur
Kenntnis genommen werden. Ihre Ergebnisse besagen, dass Personen, denen soziale
Beziehungen fehlen, ein höheres Risiko vorzeitigen Versterbens haben. Auch sind wenige
soziale Beziehungen, seltene Teilnahme an sozialen Aktivitäten und sozialer Rückzug
Risikofaktoren für die Abnahme kognitiver Fähigkeiten älterer Personen (
Zunzunegui
et al. 2003). Demgegenüber gibt es Hinweise darauf, dass soziale Interaktion das Risiko,
an Demenz zu erkranken, reduziert (Saczynski et al. 2006).
Aus der Perspektive eines ethischen Konsequenzialismus sowie vor dem Hintergrund
einer Ethics of Care lässt sich sagen, dass der Einsatz assistiver Technologien bis hin zu
Robotern daran zu bemessen ist, inwieweit soziale Beziehungen, die erwiesenermaßen
zur Steigerung subjektiven Wohlbefindens beitragen, gestärkt oder geschwächt werden
(Palm 2014; Fine und Spencer 2009; Szebehely und Trydegard 2012). Darüber hinaus ist
der intrinsische Wert sozialer Interaktionen zu würdigen:
Social networks are said to imply (1) appreciation, recognition and a feeling of belonging,
(2) intimacy and friendship and (3) emotional and practical support (…) (Palm 2014, mit
Verweis auf Fine und Spencer 2009).
Schließlich ist mit Blick auf ethisch bedeutsame Implikationen des Capability Approach
zu fragen, inwieweit gegenwärtige Entwicklungen autonomer Assistenztechnologien
eine altersgerechte Unterstützung sozialer Vernetzungsprozesse erwarten lassen, und
zwar als Grundlage für soziales Lernen, welches zugleich der Entfaltung kreativer Poten-
ziale zu dienen vermag (Remmers und Hülsken-Giesler 2012).
9.3.7 Besonderheiten bei Demenzpatienten
Bei ethischen Fragen des Einsatzes von Therapierobotern (Beispiel: PARO-Robbe) in
der Pflege demenziell Erkrankter liegen einer Ethics of Care verschwisterte Perspekti-
ven der Advokation nahe. Nun gibt es überzeugende empirische Studien, die zeigen, dass
Demenzkranke auch im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung über Fähigkeiten ver-
fügen, sich emotional mitzuteilen, Wünsche und Bedürfnisse ebenso wie Aversionen und
Ablehnungen auf nonverbalem Wege (Blick, Gestik, Mimik) zu signalisieren (Becker
et al. 2010a, b). Erfahrene Pflegekräfte wiederum verfügen über ein multisensorisches
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