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252 N. Döring
14.2.1 Sexuelles Wohlbefinden als Gesundheitsfaktor
Die Weltgesundheitsorganisation definiert schon lange, dass Gesundheit mehr ist als die
Abwesenheit von Krankheit, nämlich umfassendes physisches und psychisches Wohl-
befinden beinhaltet (WHO 1946). Dasselbe gilt fĂĽr sexuelle Gesundheit (sexual health).
Sie ist mehr als die Abwesenheit von sexuell ĂĽbertragbaren Infektionen, sexuellen
Funktionsstörungen, ungeplanten Schwangerschaften und sexueller Gewalt – sie schließt
das sexuelle Wohlbefinden (sexual well-being) ausdrĂĽcklich ein (WHO 2006).
Die WHO-Definitionen von Gesundheit bzw. sexueller Gesundheit haben einen nor-
mativen Charakter und geben vor, dass neben der Bekämpfung von Krankheiten eben
weltweit auch eine staatliche Gesundheitsförderung stattfinden soll, die das Wohl-
befinden der Bevölkerung stärkt. So gibt denn auch beispielsweise das staatliche
Gesundheitsportal von Großbritannien (www.nhs.uk) ausdrücklich „good sex tips“ und
propagiert offiziell sexuelle Aktivitäten zur Gesundheitsförderung, denn „sex is good for
your heart“.
Tatsächlich mehren sich in der medizinischen Forschung die Evidenzen, dass sexuel-
les Wohlbefinden gesundheitsförderlich ist. Sexuelles Wohlbefinden im Sinne selbst
gewählter und subjektiv positiv erlebter sexueller Aktivität trägt kausal über unterschied-
liche Mechanismen (z. B. kardiovaskulärer Trainingseffekt, Testosteronproduktion,
Stressreduktion, Schmerzreduktion, partnerschaftliche Bindung) zur psychischen und
physischen Gesamtgesundheit bei. Dabei gibt es empirische Nachweise zu positiven
Gesundheitseffekten sowohl von Solosexualität (Coleman 2003; Levin 2007; Robbins
et al. 2011) als auch von Partnersexualität (Levin 2007; Brody 2010; Liu et al. 2016).
Sexuelle Aktivität in gesundheitlichen Kategorien zu diskutieren bringt den Vorteil,
dass das ehemals tabubehaftete Feld des Sexuellen entstigmatisiert und besser besprech-
bar wird. Gleichzeitig können aber auch im Vokabular des Gesundheitsdiskurses weiterhin
sexualmoralische Vorgaben transportiert werden. Was früher „unsittlich“ war, kann heute
als „ungesund“ ausgegrenzt werden. Sexualität ist und bleibt ein Feld der Moralpolitik.
Ebenso bewegen wir uns immer in einem Spannungsverhältnis zwischen neuen Frei-
heiten und neuen Einschränkungen: Der moderne „Sex-ist-gesund“-Diskurs kann neuen
Formen von Verunsicherung, Leistungsdruck, Selbstoptimierung und Kommerzialisierung
Vorschub leisten (Döring 2017a). Die wachsende Nachfrage nach luststeigernden Präpa-
raten fĂĽr Mann und Frau mag ein Beispiel dafĂĽr sein, dass die frĂĽhere scham- und schuld-
behaftete Sorge, zu viel Sex zu haben oder zu wollen, mittlerweile der angstvollen Sorge
gewichen ist, zu wenig oder zu wenig lustvollen Sex zu haben. Der „Sex-ist-gesund“-
Diskurs ist also auch kritisch zu sehen, wenn er neue Handlungszwänge konstruiert und
z. B. Menschen mit geringer sexueller Motivation oder asexueller Orientierung aus-
grenzt (Gupta 2011). Gleichwohl trägt der „Sex-ist-gesund“-Diskurs dazu bei, die sexuel-
len Anliegen aller Menschen – einschließlich derjenigen mit Pflegebedarf – ernster zu
nehmen. Ein anderer Bedeutungsrahmen, der im Pflegekontext gern verwendet wird,
beschreibt Sexualität als Lebensenergie und Lebendigkeit und spricht neben der Gesund-
heit somit auch spirituelle Aspekte an (BTT-Gruppe 2016; Döring 2017a).
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