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dasseinViertel aller visuellenElementeBogdanovićsBlumezeigen,dieer selbst
bereitsalshoffnungsfrohes,zukunftsweisendesSymbol,dasniemandenanklagt,
bezeichnethatte. Jovičić (2006b, 9) begriff denGedenkort vor allemals „der Zu-
kunft gewidmet“ sowie als „modernes und dynamischesMenschenrechtszent-
rum“ (Vjesnik, 27.2.2004). LautMuseumswebseite gehe es in Jasenovacdarum,
die Konsequenzen des Verweigerns menschlicherWürde deutlich zumachen
und Gewaltlosigkeit, Demokratie und Menschenrechte zu lehren. (Jasenovac
Memorial Site o. J.) BeimeinemneuerlichenAufrufderMuseumswebseite 2020
war diesemmission statement eine – leider undatierte – Ergänzung vorange-
stelltworden, die sichdeutlich vonder von Jovičić, die 2016 alsDirektorin ab-
gelöstwurde,betriebenenEnthistorisierungabhebt:
In theMemorial Museum, human suffering and resistance to evil are personal, but the
collective historical horrors and Ustasha crimes committed against children, women,
men, Serbs, Roma, Jews, Croats, Slovenes,Muslims and those of other nations, religions
or ideologiesare innowaygeneralised. Instead, thesethingsaremadespecificandreal.
(JasenovacMemorialSiteo. J.)
Das Grauendes Lageralltags lässt sich jedoch auch anders als durchHorrorfotos
vermittelnundvorallem ist Jasenovac schlichtkeinOrtdes„Lichts“unddes„Le-
bens“. Auch indiesemPunkt konntevorderAusstellungseröffnungeine zumin-
dest geringfügige Änderung des Konzepts erwirkt werden. Vier der brachialen
Tötungswerkzeuge wurden in einer Glasvitrine amBoden hinzugefügt, die auf
dieBesonderheitdesLagers,dasauchals ‚ManufakturdesTodes‘bezeichnetwer-
denkann,verweisen.EineGaskammergabes in Jasenovacbekanntlichnicht,nur
die wenigsten Opfer wurden erschossen, diemeistenmit großen Hämmern und
Messern ermordet. Die nachträglich in das Konzept aufgenommeneVitrine zeigt,
dassmandieseschrecklicheBesonderheit thematisierenkann,auchohne–wie in
derAusstellungaus1988–überwältigendeundGrauenerregendeFotografienab-
getrennterKöpfeundaufgeschlitzterLeichenzuzeigen.
Ferner istbisheutedasArealder In-situ-Gedenkstätte,die sichaufdemGe-
lände von Jasenovac III, desHauptlagers desKZ-Komplexes, befindet, nicht in
das Ausstellungskonzept eingebunden. Es gibt zwar in der Ausstellung einen
Plander„Jasenovac-Exekutionsorte“.Aberwennmannichtweiß,dassdiedar-
auf verzeichneten Orte Krapje und Bročica die Namen der Lager Jasenovac I
und IIwarenoder dass sichunter demNamenUštica das „Zigeunerlager“ ver-
birgt, kannmandie komplizierteGeschichte des Lagerkomplexes darausnicht
erschließen. Nur bei den Computerarbeitsplätzen und auf der Museumsweb-
seitewerdeneinige Informationendazuangeboten,wennmanexplizit danach
sucht. Auch gibt es keinen Hinweis darauf, wie man die anderen Lagerteile
heute erreichen kann und was sich dort gegenwärtig befindet. Der einzige
112 4 DerZweiteWeltkrieg imMuseum
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918