Seite - 120 - in Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen - Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
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keinem anderen der hier analysiertenMuseenwar das Konzept zuvor einer
transparentenöffentlichenDiskussionunterzogenworden.88
Der Eröffnung, über die es viel positive Berichterstattung inungarischenMe-
dien gab, wohnten der ungarische und der israelische Staatspräsident sowie der
damalige französischeAußenministerNicolasSarkozybei. (Mihok2005, 166;Creet
2013,48)AnlässlichdiesesEreignissesbatderBürgermeistervonBudapest,Gábor
Demszki, umEntschuldigung „für das Verbrechen, das die ungarische politische
Gemeinschaft zwischen 1938 und 1944 gegen das ungarische Judentum verübt
hat.“ (Zit. n.Mihok 2005, 161)DadasMuseum inungarischenMedienanfänglich
als „jüdischesMuseum“vorgestelltwordenwar,hobStaatspräsidentFerencMádl
in seinerEröffnungsredehervor, dass esnichtumdas Judentum, sondernumein
KapitelderungarischenGeschichteginge. (SeewannundKovács2006b,198)
Nebendemslowakischenundkroatischenkommuniziert auchdiesesdritte,
ungarischeMuseumintensivmit ‚Europa‘unddem ‚Westen‘: 2004eröffnetedas
HDKE anlässlich des 60. ungarischen Holocaust-Gedenktags zwei Wochen vor
demEU-BeitrittUngarns,obwohldie ständigeAusstellungerst zwei Jahre später
fertiggestelltwerdenkonnte. Diese symbolträchtige Eröffnungkann somit als
Ausdruck der ‚Europäisierung des Holocaust‘ begriffenwerden. AmHolocaust-
GedenktagsagteMinisterpräsidentPéterMedgyessy:„Heute,daich[…]dieDoku-
mentedesBeitritts zurEUunterzeichne, ist esbesonderswichtig, dasswirnicht
nur an die gemeinsame und glückliche Zukunft, sondern auch an die gemein-
sameund traurigeVergangenheit denken.“ (Fritz 2010, 174) DasHDKE verfolge
ein Programm „basierend aufMuseumstechniken ausWesteuropa“, so der ehe-
malige Direktor Szabolcs Szita. (Molnár 2012) Prägend sind in der Ausstellung
entsprechenddemVorbild ‚westlicher‘Holocaustmemorialmuseums–wie in Ja-
senovac–diedunkleRaumgestaltung,derFokusauf individuelleOpfer, ihrewe-
nigenalsauratischeObjekte inszeniertenBesitztümerundihreZeugnisse–nicht
nurvonJüdinnenundJuden,sondernauchRomnijaundRoma.AlsVorbildwird
das US Holocaust Memorial Museum genannt. Im Außenbereich erinnern die
SandsteinmauernstarkandieArchitekturvonYadVasheminIsrael.
88 Die von Gábor Kádár und Zoltán Vági verfassten Ausstellungstexte wurden im Sommer
2004unterderLeitungvonJuditMolnárvonüber70Personendiskutiert.AlsErgebnisderDis-
kussionwurdenunter anderemdie Teile über die Zeit vor 1920undnach 1945 signifikant ge-
kürzt. (Molnár 2012) Danach wurde das Skript noch von fünf ExpertInnen bewertet, der
Sozialpsychologin Mónika Kovács, dem Ästhetik-Experten Sándor Radnóti und drei Histori-
kerInnen, IstvánDeák,KrisztiánUngváryundMáriaOrmos.DieAusstellungwurde ferner vor
der Eröffnung auf der Museums-Webseite ausführlich zur Diskussion gestellt und im An-
schluss daran nochmals überarbeitet– ganz imGegensatz etwa zum Jasenovac-Gedenkzent-
rum,dessenKonzeptdieDirektorinsogardemRatausVertreterInnenderOpfer,derGemeinde
unddesStaateserstsehrspätvorlegte.
120 4 DerZweiteWeltkrieg imMuseum
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918