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Tensof thousandsof thepolitically persecuted, aswell as deserters from the army,were
hiding in the capital during the siege, so thepersecutionof Jews could easily be seenas
part of the suffering of the city, the country and its entire population. Budapest had the
best-integrated Jewishcommunity in thecountry; thegreatestnumberof„mixed“profes-
sional,business, indeed, familyrelationshipscouldbefoundinthecity.
Darüber hinaus betont die Ausstellung, dass sich eine „überwältigendeMehr-
heit“ der ungarischen Jüdinnen und Juden als Teil der ungarischen Nation,
ihrerSpracheundKultur sowieals„UngarnmosaischenGlaubens“verstanden
hätte. Sie seien „loyale Staatsbürger“gewesenundhätten einegroßeRolle bei
derModernisierungUngarns gespielt. Rabbi Löw, dessenBiographie exempla-
risch für andere Opferschicksale in der Ausstellung vorgestellt wird, habe, so
heißtes imAusstellungstext, aufUngarischgepredigtunddieungarischeSpra-
che und Literatur als unverzichtbar für die von ihm eingerichtete ungarische
Schuleerklärt. SeinSohnwirdalsSymbolfigur für integrierte Judenvorgestellt,
während inBezugauforthodoxe Jüdinnenund JudenBegriffewie„alt“,„tradi-
tionell“, „streng“ und „altertümliche Regeln“ verwendet werden. Aus einem
Brief des Dichters Miklós Radnóti geht hervor, dass er sich als „ungarischer
Dichter“ versteht, nicht „jüdisch fühlt“, aber dazu gemachtwurde. Der erfolg-
reiche Geschäftsmann Samu Stern, eine führende Persönlichkeit in der jüdi-
schenGemeinde,wirdmitdenWortenzitiert, dieungarischen Judenseienein
unverzichtbarer Teil, ja „Söhne“ der ungarischen Nation. Auch wenn das Mu-
seumdamitdemnationalistisch-revisionistischenNarrativbewusstwiderspricht,
lässt sich diese Argumentation auch so lesen, dassman ‚die Juden‘nicht hätte
verfolgenundumbringendürfen,weil sie sogut integriert gewesenseienundso
einenwichtigenBeitragfürUngarngeleistethätten.
DieHälftedesachtenundletztenRaums istdenKriegsverbrecherprozessen
in der Nachkriegszeit gewidmet.93 Dennochwurde als gewichtiger Kritikpunkt
gegendieAusstellungvorgebracht, dass sie imWesentlichen1945aufhöreund
somitnicht thematisiere,dass
einGroßteilderTäternach1945nichtzurVerantwortunggezogenwurde,dassdieungari-
sche Bevölkerung den zurückgekehrten Juden oft feindlich gegenüberstand, dass es im
Jahre 1946 zuPogromen inder ungarischenProvinz kam, unddass auchdie ungarische
93 Ein Foto zeigt Döme Sztójay, der nach der deutschen BesatzungMinisterpräsidentwurde
undvierweitereAngeklagtevordemVolksgericht, einanderesdenPfeilkreuzler-AnführerFe-
renc Szálasi und ein drittes Lászlo Endre, der nach der deutschenBesatzungmit Eichmanns
KommandodieGhettoisierungundDeportationorganisierte–beideamGalgen.AufdemInfo-
ScreensindVideosüber fünfalsKriegsverbrecherAngeklagtezusehen.
126 4 DerZweiteWeltkrieg imMuseum
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918