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Revolution 1956 nicht frei von antisemitischen Ausschreitungen blieb. Auchmüsste die
Rezeption desHolocaust nach 1945 und vor allemdie Frage,wieso erst jetzt eine solche
Institutioneingerichtetwurde, thematisiertwerden. (Fritz2006,312)
DieseAussparungbegründetdieKuratorindamit, dass imZugeder öffentlichen
DebattedesAusstellungskonzepts imVorfeldderEröffnungdieFrageheftigdis-
kutiertwordenwar,obdieAusstellungbiszurgegenwärtigenErinnerunganden
Holocaust ausgedehntwerden odermit 1945 enden sollte –mit dem Ergebnis,
dass der bereits ausformulierte Teil über die Zeit nach 1945 erheblich gekürzt
wurde. (Molnár2012) IndenwenigenVerweisenaufdiestaatssozialistischenVer-
brechenwirddabeinureinmal inZusammenhangmitdenBiographienderZwil-
lingsschwestern Éva und MirjamMózes auf die antisemitischen Kontinuitäten
nach 1945 eingegangen: „Because of the Communist dictatorship and renewed
antisemitism, they emigrated to Israel in 1950.“An anderer Stelle werden alle
‚Opfer‘hingegenübereinenKammgeschert:„Withina fewyears, anotherdicta-
torshipandcontinuingoppressionwere tobe the fateof thepopulationofHun-
gary,whethertheywereJews,gentiles,Romaornon-Roma.“
In Bezug auf die Inklusion individueller Opfer- und Täterbiographien, des
‚negativen Gedächtnisses‘ sowie von gesellschaftspolitischen Dilemmas nimmt
dasHDKEunter denhier systematischuntersuchtenpostsozialistischenMuseen
dennoch eine Vorreiterrolle ein. Im Vergleich dazu unreflektiert wirkt der Um-
gangmithistorischenFotografien,denichnunamEndediesesKapitelsbeleuch-
tenmöchte. (Radonić2016b, 189–191)DerTrendindenAusstellungender letzten
Jahregehtzusehendsdahin,historischeFotografienalsDokumentezubegreifen,
überdiemanmöglichst vielKontextwissenüberFotografIn,Aufnahmeort, -zeit-
punkt und -kontext sowie die Verwendungsgeschichte des Fotos bereitstellt –
wiediesetwainder2014eröffnetenDauerausstellungimMuseumderGeschichte
derpolnischenJudeninWarschauderFall ist.DieBudapesterHDKE-Ausstellung
aus2006lässtdieseKontextualisierunghingegenvermissen.
Besonders auffällig ist in diesem Zusammenhang eine Montage histori-
scher Fotografien, die auf fünf Bildschirmen im Raum über „Deprivation of
Life“gezeigtwird. (Abb.24)DarinwerdenerstensFotosausdemobenerwähnten
‚Auschwitz-Album‘,dasSS-MännervonderAnkunftverschiedenerTransporteun-
garischer Jüdinnenund Judenaufgenommenhaben (Hördler, Kreutzmüller und
Bruttmann2015), unterdemTitel„ADay inAuschwitz“mit einemfortschreiten-
denZeitstempel somontiert, dass siedenEindruckerwecken, sie stammtenvon
ein- unddemselben „Hungarian Jewish transport fromBeregszász“ vom26.Mai
1944.Was das ‚Auschwitz-Album‘ ist, wird zwar an anderer Stelle imMuseum,
beiderBiographievonLili Jákob,diedasAlbumzuKriegsendeinMittelbau-Dora
fand, erklärt, jedochkeinZusammenhangmitdenFotosaufdiesen fünfMonito-
renhergestellt. 4.3 Die2000er:DieKommunikationmit ‚Europa‘ 127
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918