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material auf.Das erste Fotowird indenmeistenMuseenundGedenkstätten, so
auch imHDKE, in der Dauerausstellung inYadVashemaus 2005 und auf dem
GeländedesehemaligenVernichtungslagersBirkenauselbst,weggelassen,daes
sozusagen ‚Nichts‘zeigt–abereinvielsagendesNichts:Alexriskiertemitdenge-
heimenFotosnichtnurseineigenesLebenundzieltedaher falsch,zusehensind
nurBaumkronengegendasLicht.AuchdaszweiteFoto ist schiefundnur imlin-
ken unteren Eck sind Frauen beimEntkleidenMinuten vor ihrer Ermordung zu
sehen.DiesesFotowirdmeistgedrehtundaufdenBildausschnittmitdenFrauen
zugeschnitten,waswiederumdenEntstehungskontext buchstäblichwegschnei-
det.94 Die letzten beiden Fotos zeigen die Mitglieder des jüdischen Sonder-
kommandosbeimVerbrennenderLeichen. SienahmAlexvermutlichausder
Gaskammer auf, derenTürrahmen jedochals störender schwarzer Rahmen in
denmeistenAusstellungskontextenweggeschnittenwurde, soauch imHDKE,
dasmit dieser Aufnahme seineMontage „Aday inAuschwitz“beendet. „The
murderedareburned inditches“ istdereinzigeKontext,dendasHDKEherstellt.
Zwischen dem Täterblick der SS-Männer und den vom Jüdischen Sonderkom-
mando aufgenommenen Fotoswird also keinerlei Unterschied gemacht. ImGe-
gensatz zumHDKEund anderenAusstellungen aus den 2000er Jahrenwerden
etwaimMuseumderGeschichtederpolnischenJudeninWarschaudievierFoto-
grafienalsbesondersauratischeDokumentegebührend inszeniertunddurchein
schriftliches Zeugnis eines Mitglieds des Jüdischen Sonderkommandos kontex-
tualisiert. (Radonić2016b,191–192)
Auch jenseits solcher „Ikonen der Vernichtung“ (Brink 1998) steht die Ver-
wendungvonFotos imHDKEzuweilen imGegensatz zur Individualisierungder
Opfer.SozeigtderRaum„DeprivationofRights“vierFotografien,die lapidarmit
„With theStar ofDavid…“untertitelt sind.Diehier abgebildeten Jüdinnenund
Judenwerdenalsonicht als Individuengezeigt, sondern symbolisieren ‚die ver-
folgten Juden‘und illustrieren die antisemitischeKennzeichnungspflicht. Dabei
werfen die Fotos zahlreiche Fragen auf: auf dem einen sind drei Jungen zu
sehen, zweimitDavidsternamAnzug, dermittlere aber nurmit Spuren eines
offenbar zuvor entferntenDavidsterns. EinFarbfoto zeigt eine jungeFrau, die
glücklich lächelnd imGarten steht undnicht einmal denVersuchmacht,mit
ihremlangenHalstuchaufdemPrivatfotodenDavidsternzuverdecken.Wäh-
rend bei anderen Fotos zumindest Aufnahmeort und -jahr genannt werden,
94 DasHDKEzeigtdiesesFotonicht aufden fünfgroßenBildschirmen, sondernaufdenklei-
neren Info-Screens: zugeschnitten, aber als einziges der drei gezeigten mit etwas Kontext:
„Photograph taken by the resistancemovement in the camp:when the dressing roomswere
full, the victims had to undress in front of CrematoriumV.“ (Bildschirm-‚Seite‘ 31 von 41 in
Raum5:DeprivationofLife) 4.3 Die2000er:DieKommunikationmit ‚Europa‘ 129
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918