Seite - 130 - in Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen - Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
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steht hier nicht etwa, dass das indiesemFall unbekannt sei. Einweiteres dieser
Fotos,daseineGroßfamiliezeigt, findetsichauchinYadVashembzw.dessenKa-
talog zurDauerausstellungund so erfahrenwir zumindestOrt und Jahr derAuf-
nahme: „Eine jüdische Familie imGhetto von Budapest, 1944“. (Gutterman und
Shalev 2005, 190)Wie ich imnächstenKapitel zeigenwerde, setzt dasHDKEdie-
senEinsatz ‚typischer‘,umnichtzusagenstereotypisierenderFotosbeiderDar-
stellungvonRomnjaundRomainnochstärkeremAusmaßfort.
Zusammenfassendlässt sichsagen,dassdasHolocaust-Gedenkzentrum, ins-
besondere seine Ästhetik und die imWesentlichen zeitgleich mit dem ungari-
schenEU-Beitritt erfolgteEröffnungAusdruckder ‚AnrufungEuropas‘sind.Doch
dieser Signalcharakter des Museums als eine Art Eintrittsticket nach ‚Europa‘
mindertnichtsanseinemWertals einerkritischerAufarbeitungverpflichteter
Institution. Unabhängig von dieser ‚externen‘Motivation besuchten zahlrei-
cheSchulklassendiesichan internationalenVorbildernorientierendeundauf
selbstkritische Aufarbeitung ausgerichtete Ausstellung, die somit ein Gegenge-
wicht zumnationalistischenkollektivenOpfernarrativ imHausdesTerrors dar-
stellt, auf das weiter unten eingegangenwird. Im Kapitel über die neuesten
geschichtspolitischenEntwicklungengehe ich ferner nochauf dieGeschichte
desHDKE inderÄra seitOrbánsWahlsieg 2010ein.Dochzunächstwidme ich
michnunderDarstellungder Roma-Opfer imHDKEundden anderen beiden
Museen,dieeine ‚AnrufungEuropas‘betreiben.
4.3.1.4 ‚AnrufungEuropas‘undInklusionvonRoma-Opfern
DerGenozidandenRomnjaundRoma95war jahrzehntelangeinvölligvernach-
lässigtes Thema. Erst imZugeder ‚Europäisierungder Erinnerung‘ findet diese
Opfergruppe in den letzten 20 Jahren nun auch außerhalb Deutschlands, wo
sich die Bürgerrechtsbewegung bereits früher Gehör verschaffte, verstärkt Be-
achtung–wennauchdabeivielfachVorurteile reproduziertwerden.Umdieser
Marginalisierung entgegenzuarbeiten, ist ihrer (Nicht-)Darstellung in denMu-
seenandieserStelleeineigenesKapitelgewidmet.BesondereBerücksichtigung
findendabei visuelleDarstellungenaufgrundder jahrhundertealten ‚Tradition‘
stereotyper ‚BilderdesZigeuners‘. (Reuter2014)
95Während in Deutschland von ‚Sinti und Roma‘ gesprochen wird, ist in Österreich von
‚Romaund Sinti‘ die Rede. Im Englischenwird ausschließlich der Begriff ‚Roma‘ verwendet.
FürdenpostsozialistischenRaumgilt: jeweiteröstlichundsüdlich,destowenigerSintizeund
Sinti gibt es, in vielen der hier untersuchten Länder leben ausschließlichRomnja undRoma.
Daherwird imFolgenden,auchumaufgrunddergeschlechtsneutralenSchreibweisekeineun-
lesbarenSätze zuproduzieren, indiesemKontext immernur vonRomnjaundRomadieRede
sein,außeresgehtumindividuelleSintizeundSinti.
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Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918