Seite - 131 - in Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen - Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
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Als Ergebnis des Vergleichs postsozialistischer Gedenkmuseen lässt sich
hierbei als erstes festhalten,dassnurdieMuseen jenerGruppe,die eine ‚Anru-
fung Europas‘ betreiben, Romnja und Roma überhaupt inkludieren. Die oben
vorgestellte slowakische,kroatischeundungarischeDauerausstellung,alleaus
der Zeit zwischen 2004und 2006, gehenals einzige unter den zehnDaueraus-
stellung inden2000er JahrennennenswertaufRoma-Opferein,wie imFolgen-
den dargestellt wird.96 DieMuseen der zweiten, weiter unten vorzustellenden
Gruppe, die keinenBeweis des ‚Europäischseins‘des jeweiligenLandes indie-
sem Sinne antraten, inkludieren Romnja und Roma in ihren Ausstellungen in
den2000er Jahrennicht.
Die ‚EuropäisierungderErinnerung‘beinhaltete,wieobenbereitsausgeführt,
zunächst die Auseinandersetzungmit derMitverantwortung der eigenen Nation
für die Vernichtung der europäischen Jüdinnenund Juden. In einemzweiten
Schritt folgte dann die Inklusion zuvor noch stärkermarginalisierter Opfergrup-
pen,wieebenRomnjaundRoma.(Radonić2015,66)DemGenozidandenRomnja
undRomawurdeaufwissenschaftlichemGebietwieinderSelbstorganisationver-
stärktAufmerksamkeit gewidmet. (Kapralski 1997, 276) So versammelten sich
1994 Romnja und Roma aus aller Welt in Auschwitz, um 50 Jahre nach der
Auslöschungdes ‚Zigeunerlagers‘ inBirkenaudiesesEreignisseszugedenken.
DieVereinigungpolnischerRomaentschiedsichdazu, ihrenSitznachOświęcim
zuverlegen–umaufdieseWeiseandersymbolischenBedeutungvonAuschwitz
zupartizipieren. (Kapralski 1997, 277)DochwardiesenVersuchen,mehr interna-
tionaleAufmerksamkeitzuerlangen,zunächstwenigErfolgbeschieden.
Seit etwa 15 Jahrenbetonenmittlerweile aber auchdie EuropäischeUnion
und der Europarat, wiewichtig es sei, an denRoma-Genozid zu erinnern. Der
MenschenrechtskommissardesEuroparatshebthervor:„the importanceof tea-
ching about Roma history cannot be overemphasised. Teaching about Roma
history, raisingawarenessof theRomagenocideduring theSecondWorldWar,
and building andmaintainingmemorial sites are the least states could do to
honourRomavictims.“ (Hammerberg2011;vgl.Thornton2014,111–112)EineRe-
solutiondesEuropäischenParlaments (EP) aus 2005nenntnichtnurRomaals
eineOpfergruppedesNationalsozialismus,sondernverknüpftdieErinnerungmit
dengegenwärtigenAngriffen aufRoma, denn „lastingpeace inEuropemust be
basedon remembranceof its history.“ (EuropeanParliament 2005a) Eine zweite
96 In Theresienstadt sind laut Auskunft von Vizedirektor Vojtĕch Blodig, dem ich für seine
wiederholten hilfreichenAuskünfte undMaterialien zur Gedenkstätte danke, nur eineHand-
voll Roma-Opfer inhaftiert gewesen, dasMuseumfördert jedochRoma-bezogeneProjekteund
unterstütztdasMuseumderRoma-Kultur inBrnobeiderVorbereitungderAusstellung imehe-
maligen ‚Zigeunerlager‘Lety. 4.3 Die2000er:DieKommunikationmit ‚Europa‘ 131
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918