Seite - 135 - in Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen - Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
Bild der Seite - 135 -
Text der Seite - 135 -
VisualisierungvonRoma-OpferntypischeentmenschlichendeAbbildunganony-
merLeichen:Auf ihmsiehtman,wie zweiMänner einenkopfüberhängenden
totenRommit einemSeil, das amBeindes Leichnamsbefestigt ist, aus einer
Grube ziehen. ZumSchluss der acht Seiten finden sichhier jedochauch zwei
Porträtfotos jungerMänner, JozefundJakubEremiaš, zweiererstmalsnamentlich
bezeichneter Roma, die am20. November 1944 inKremnička ermordetwurden.
(Abb. 26)WährendandereOpfer auf denBildschirmenmeistmit Privatfotos ge-
zeigt werden, bleibt dies bei den Roma-Opfern die Ausnahme – und eben nur
niedrigrangierendinder ‚HierarchiederSichtbarkeit‘.
ImkroatischenFallwurdenindenMuseumsführernausJasenovac„Zigeuner
–Roma“ (Trivunčić 1974, 28; vgl. Radonić 2015, 70) bereits seit 1974 zumindest
kurzerwähnt,dennwiewirheutewissen,warensiemitüber 16.000Ermordeten
die zweitgrößteOpfergruppe indiesemUstaša-Todeslager.100Aber erst die aktu-
elleAusstellungaus2006beziehtsiestärkerein,vorallemwennvondenOpfern
rassischerVerfolgungimUstaša-StaatundinJasenovacdieRedeist:„Serbs, Jews
andRomaweremurderedwithnoverdict since theydidnot fit into theproclai-
medUstašaconceptofracialandnationalpurity.“EinzentralesElementderAus-
stellung sind 16 Videozeugnisse vonÜberlebenden. Einer von ihnenwar Nadir
Dedić,derals Junge imbosnischenTeildesUstaša-Staatesverhaftetwurde,doch
nicht,weil er ein Romwar, sondernweil er beschuldigtwurde, ein Signalfeuer
für PartisanInnen entzündet zu haben. Abgesehen von diesemVideo und dem
Nennen von Roma in der Aufzählung der Opfergruppen finden sich ausführli-
chere Informationennur auf denComputerarbeitsplätzenundgleichlautendauf
derMuseumswebseite.Wennman danach sucht, kannman erfahren, dass die
meisten Romnja und Roma imSommer 1942 nach Jasenovac gebracht wurden,
ÄltereundKinder sofort inDonjaGradinaermordet,Arbeitsfähige indasHaupt-
lager oder indas ‚Zigeunerlager‘Ušticagleichdanebenverfrachtetwurden. „Al-
most no Romawho entered the camp, regardless of age or gender, survived.“
(RomainJasenovacConcentrationCampo.J.)
Imaktuellen Jasenovac-Ausstellungsguide (BenčićRimay 2006) stehendie
rund 200 privaten Porträtfotografien der (vor allem serbischen, jüdischen und
kroatischen) Opfer und deren Kurzbiographien im Vordergrund. Romnja und
RomasindhingegenaufvisuellerEbenebloßdurchvier vonTäterInnenaufge-
nommenen Fotografien präsent, die Stereotype von auf demErdboden sitzen-
den Romnja und Roma101 reproduzieren oder zeigen, wie eine zahnlose alte
100 Namentlich identifiziertwurdenbisher 5.608 ermordeteKinder, 5.688Männer und4.877
Frauen.
101 AufdenComputerarbeitsplätzenundderMuseumswebseitesindzweidieserFotosenthal-
ten, dasder zahnlosenFrauunddasder amBodenSitzenden,hier aberbeschriftet: „Uštica–
4.3 Die2000er:DieKommunikationmit ‚Europa‘ 135
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918