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Frauund einMann in erniedrigenderWeise gegen einenStacheldrahtzaunge-
drückt werden. Während die Kurzbiographien der jüdischen, serbischen und
kroatischenOpfer zusammenmit ihrenEmpathieweckendenPrivatfotos immer
wiederdieHoffnungschüren,amEndederKurzbiographiewerdestehen,diese
eine sympathisch lächelndePersonhabeüberlebt, fehltdiesesElementbeiden
Roma-Opfern. Könnte man auch einwenden, dass entsprechende Privatfotos
aus der Zwischenkriegszeit nicht verfügbar seien, so stammenmanche der im
Guide enthaltenen Fotografien auch aus der Nachkriegszeit – und hier lässt
sich,wennauchnurwenigeüberlebt haben, dieBehauptungnicht aufrechter-
halten, es gebe keine Privatfotos von Romnja undRoma, die demTäterInnen-
blickentgegengesetztwerdenkönnten.
Im Kapitel über die Roma-Opfer bemüht die Autorin das „schlimmere“
Schicksal der Roma,wenn sie über den „vergessenenRoma-Holocaust“ (Len-
gel-Krizman2006, 159) schreibt,der imGegensatzzurWellevonProtestgegen
dieMassenvernichtungder Juden stünde, „although, itmust be admitted, their
numbersweremuchgreater thanthoseof theRoma“ (Lengel-Krizman2006,155),
als ob es eineArtWettbewerbdes Leidswäre. AmEndedesKapitels beschwört
sie–völlig inStereotypengefangen–buchstäblichdas„schlimmereLeiden“:
It is certain that in comparison to theother inmates, theRomahad theworst timeof it in
the camp.Although theywereused topersecution, theworldof the concentrationcamp,
inwhichhatredandevil ruled,was completely foreign to them.For a ‚peopleof freedom
andunlimitedmovement‘ thebarbedwireof thecampwasunthinkable.
(Lengel-Krizman2006,170)
Diemittlerweile verstorbeneHistorikerinNarcisa Lengel-Krizman, die 2003die
erste seriöseMonographie über den „Genozid andenRoma“ in Jasenovac vor-
gelegt hat, deren Erkenntnisse sie auchhier einbringt, befördert in dieserMu-
seumspublikation jedoch pseudo-pädagogisierende Stereotype: „In time they
learned thevalueof gold. […]Money comesandgoes and is subject to change.
Their experience ofwandering throughvarious countries taught them this gol-
den wisdom.“ (Lengel-Krizman 2006, 157) Für kein anderes Kapitel wäre es
denkbar, sich über die Entstehung der serbischen Sprache oder die Herkunft
vonJüdinnenundJudenaufkroatischemoder jugoslawischemBodenauszulas-
sen,dochimRoma-Kapitel sindnurvierSeitenderVerfolgungimZweitenWelt-
krieg gewidmet, während der Rest für Aussagen wie jene reserviert ist, dass
Romnjaheutenachwie vor gernebunteKleider trügen. (Lengel-Krizman2006,
158) Es handelt sich hier vielleicht um einen gut gemeinten, aber –wie ich
House of LoudWeeping, the place where Roma (women and children) were housed during
1942.“ (RomainJasenovacConcentrationCampo. J.)
136 4 DerZweiteWeltkrieg imMuseum
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918