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DasHDKE ist das einzigederdreiMuseen, das explizit aufAntiziganismus
eingeht,wennauchnichtannährend imselbenAusmaßwieobenüberdenAn-
tisemitismusausgeführtwurde.ÜberdieBehandlungvonRomnjaundRomain
der Zwischenkriegszeit heißt es: „Under the pretext of disinfecting, delousing
Gypsy settlements, the authorities sometimes actedwith brutal force, making
sure thatRomamenandwomenwere shornof their hair, includingbodyhair.
The occasionally bitterly anti-Gypsy views and suggestions of low-level public
officialsandlocalcivilianswereusuallynotsupportedbycompetentauthorities
in theMinistryof the Interior.“ (Karsai,KádàrundVági2006,33)
Wie unterrepräsentiert die Roma in demMuseum jedoch sind, verdeutlicht
die Tatsache, dass sich imGuideneben 51 Fotografien von Jüdinnenund Juden
nurzweivonRomaundeinesvoneinem„youngSintigirl fromHolland“ (Karsai,
KádàrundVági2006,33)ohneUngarnbezugfinden.Nichtdazugesagtwird,dass
es sichbei letzteremumSettela handelt, derenAufnahme zur IkonedesRoma-
Genozidsgeworden ist.Settelablickte imLagerWesterborkunmittelbarvor ihrer
DeportationnachAuschwitz-BirkenauwenigeSekundenlangauseinemDeporta-
tionswaggon hinaus, was der jüdischeHäftling Rudolf Breslauer in einemFilm
überWesterbork imAuftrag derNazis einfing. Settelawurde jahrzehntelang für
eine Jüdingehalten, bis sie 1994 eineÜberlebende, diemit ihr zusammende-
portiertwordenwar, alsAnnaMaria (Settela) SteinbachausBuchten imSüd-
ostenderNiederlande identifizierte.DerGuidenennt ihrenNamenabernicht.
Währenddie Bildunterschriften von 20 der 51 Fotos von Jüdinnenund Juden
ihre Namen enthalten,wird einzig das Familienbild der Roma-Familie Bogdán-
Kolompár, derenSchicksal dieBesucherInnenvonRaumzuRaumbegleitet, na-
mentlich zugeordnet: „Erzsebet Bogdánwith her daughter, Juliska (on her lap)
andAranka.“ (Karsai, Kádàr undVági 2006, 73; vgl. Radonić 2018b, 142) Auch
werden die vier überlebenden Romnja, deren Interviewauszüge auf den Info-
Screens unter dem Titel „Persecution of Roma“ angeschaut werden können,
nicht namentlich vorgestellt – im Gegensatz zu den Überlebendenberichten
vonJüdinnenundJuden,wieMeyer (2014, 194)herausgearbeitethat.
DerEinsatzvonObjektenmachtebenfallsdenUnterschieddeutlich:Symboli-
sche, stellvertretend-illustrative Objekte wie Arztbesteck, Theatergucker, Kerzen-
ständer und ähnliches verweisen ausschließlich auf jüdische Opfer, den Roma
zugeordnete Objekte gibt es keine. Lassenwir einmal die Frage außer Acht, wie
sinnvolles ist, ‚typisch jüdische‘Objektekontextlosauszustellen. Jedenfallskann,
da es sich nicht um historisch oder biographisch zugeordnete Objekte handelt,
das Fehlen der ‚Roma-Objekte‘ in diesem Fall keinesfalls darauf zurückgeführt
werden, dass keine auffindbar waren –was etwa bei namentlich zuordenbaren
Privatfotografien ungarischer Romnja und Roma aus der Zwischenkriegszeit der
Fallzuseinscheint.
140 4 DerZweiteWeltkrieg imMuseum
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918